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Donnerstag, 7. Mai 2015

Nominierungen zum Deutschen Filmpreis 2015

Eine starke Finalauswahl für den Deutschen Filmpreis 2015 wurde nun bekanntgegeben: In Sachen "Bester Spielfilm" finden sich neben IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS: Sebastian Schippers VICTORIA, JACK von Edward Berger, WIR SIND JUNG, WIR SIND STARK sowie WHO AM I von Baran bo Odar und ZEIT DER KANNIBALEN. Eine bunte Mischung - und eine, die mit dem Hackerthriller WHO AM I und dem furiosen One-Shot-Gangsterfilm VICTORIA - zwei Genre-Werke berücksichtigt; drei, wenn man ZEIT DER KANNIBALEN, der dieses Jahr bereits beim Preis des Verbands der deutschen Filmkritik abräumte, mitzählt.

Die ganze Nominiertenliste HIER.

Die Preisverleihung findet am 19. Juni 2015 im Rahmen der Filmpreisgala statt.


WHO AM I

Samstag, 30. November 2013

FILMZ 2013: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN


Fehlerhaft und phänomenal

Happy Birthday, KONTRASTFILM! Die Mainzer Produktionsfirma, langjähriger Förderer und Wegbegleiter des FILMZ – Festival des deutschen Kinos, feierte gestern, am Freitag den 29.12., sein Zehnjähriges. Die Party war zugleich gesellschaftlicher Höhepunkt des FILMZ außerhalb der Kinos, wie schon die KONTRASTFILM-Feiern in den Jahren zuvor. Nach der alten Postpakethalle hinterm Bahnhof oder, beim letzten Mal (sprich: im vorletzten Jahr), der ausgedienten Schule am Cinestar lud Tidi von Tiedemann mit seinen Mitstreitern dem Jubiläum angemessen in den feinen Klinkerblock am Mainzer Zollhafen. In schickem Ambiente wartete im Südteil des Baus Büffet beim Empfang, ehe dann im Norden des Gebäudes Bummbumm- und andere Musik die FILMZ-Party so richtig startete.

Ein zweifellos gelungener Abend (bzw. Nacht bzw. Morgen) auf der Mole für KONTRASTFILM. FILMZ hingegen, für das dieses Event erneut den Endspurt (Samstag und Sonntag) einläutete, steht hingehen im Jahr seiner Wiederkehr unter keinem allzu guten Stern. Zumindest, was die Technik betrifft. Mehr als gemeinhin üblich wird man Zeuge (oder hört von) Vorführungsproblemen: Hier ein falsches Bildformat, dort stockt die BluRay. Das erinnert an den Max Ophüls Preis, bei dem die digitalen Projektionen auch solche Schwierigkeiten machten, dass die Festivalleiter ad hoc zu dem Thema ein Pressefrühstück anberaumte. 2006 war das.

Andererseits lacht Fortuna dem FILMZ und seinen Zuschauern hinsichtlich des Angebots in der Spielfilmwettbewerbsschiene. Selten, vielleicht sogar wie nie zuvor, finden sich so viele Perlen im zugleich bunten (und mutigen) Programm, dass die Verleihung des „Mainzer Rads“, des Haupt- und zugleich Publikumspreises, am Sonntag tatsächlich spannend wird. Kleiner Wermutstropfen nur: keiner der zwölf Kandidatenfilme feierte in Mainz seine Premiere; das war schon mal anders. Aber FILMZ hat ja auch ein Jahr pausiert, und Tiziana Calò, Kerstin Krieg, Cornelius Kern und Urs Spörri als Auswahljury der Langspielfilme ist herzlich zu danken, nicht zuletzt weil sie und das FILMZ demonstrieren, welches vorzügliche Jahr für den aktuellen deutschen Film hinter uns liegt.

Einer dieser grandiosen Filme neben KOHLHAAS, dem harten TORE TANZT u.a. ist DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN von Ramon Zürcher, dessen Publikum auch Pech in Sachen Projektion hatte: Die erste Vorstellung von Festplatte wies ein enges Lichtpunkteraster auf der Leinwand auf, und denjenigen, die sich daran störten, wurden Ersatzkarten für das zweite Screening offeriert – das dann allerdings auch, so war zu hören, seine Macken hatte. 

Ganz egal: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN stand und steht in seiner Brillanz über solchen technologischen Faxen, wurde durch diese vielleicht noch besonderer (zumindest besonders merkwürdiger, und man denke an seltene, begehrte, folglich teure Fehldrucke, -prägungen etc. -- vielleicht ein originelle Innovations- und Alleinstellungsidee für das FILMZ?). Auf der diesjährigen Berlinale erregte dieses seltsame Stück Kino jedenfalls Aufmerksamkeit und erntete Beifall. Für Rüdiger Suchsland auf artechock war es der „überraschendste Film“ und DER Geheimtipp der Berliner Filmfestspiele, aber schon, wenn man auch nur grob an so etwas wie eine Deutung oder auch nur Inhaltsangabe gehen will, wird es schwierig. Frédéric Jaeger von/auf critic.de erkannte „eine deutsche Gesprächskultur“ zelebriert, „wie sie selten in Spielfilmen erfahrbar wird“, eine Untersuchung in Sachen Kommunikation und eine Milieustudie im Berliner Altbau. Das kann man so auffassen, tatsächlich aber lässt sich DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN partout nicht auf derlei Themen und Inhalte festnageln oder runterbrechen, flutscht einem durch die Finger. Grob lässt sich die Handlung, wenn denn von einer solchen die Rede sein kann, beschreiben als der Tag eines Familientreffens zu Hause, und tatsächlich verbleibt der Film weitgehend in der Altbauwohnung, doch wer da wer bzw. was in der Familie ist, lässt sich zum großen Teil nur deuten (oder aus Paratexten wie dem Presseheft erschließen). Jenny Schily als „melancholische“ (Suchland), aber auch leise bissig-biestige Mutter, klar. Die große (MEIN FREUND AUS FARO-Anjorka Strechel) und die kleine Schwester, okay. Aber ist etwa der junge Mann, der da unvermittelt in der Küche auftaucht, nun der Bruder oder der Freund der älteren Tochter? DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN hilft einem nicht weiter, auch die Wohnung selbst muss man in Teilen zusammenreimen; plötzlich ist da irgendwie noch ein Zimmer ... ---

Als Rezensent rettet man sich, um diesem großartigen Film, zumindest ein kleinbisschen Herr zu werden, unweigerlich ins Metasprachliche. Zum einen weil DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN weniger ein Rätselspiel ist oder überhaupt narrativ, sondern in erster Linie eine Erfahrung. Zum anderen ist eben diese nicht nur, aber vor allem in Sachen Kino so ungewöhnlich, dass sie verführt, Oxymora auf einander zu schichten oder zumindest mit Widerspruchsmetaphern zu hantieren und mit bizarren Vergleichen. „[A]ls ob die strengen Autorenfilmer der »Berliner Schule« eine Familien-Soap inszenieren würden“, so Suchsland. Man könnte ebenso sagen: Wie wenn Jacques Tati WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? als sanfte, liebende, humorvolle und doch befremdende Vor-Vor-Vorgeschichte der Maniac-Familie aus dem TEXAS CHAIN SAW MASSACRE gedreht hätte. Nur eben in Berlin, im Altbau, mit Hund und Katze und mit roten Dielen. -- Hilfe!

DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ist ein phänomenaler Film. Nicht nur im Sinne von „außerordentlich“ oder „grandios“, sondern auch von „phänomenologisch“. Zu den Sachen selbst; aber hier wie bei Husserl meint das keinen simplen Realismus oder falschen Positivismus. DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN beobachtet und ist zugleich hochgradig artifiziell in seiner Inszenierung, pickt mit Großaufnahmen und genau komponierten Einstellungen Figuren und Details heraus – schneidet sie aber auch nur an oder belässt im Off, begrenzt die Wahrnehmung. Dadurch und darüber wird ein feines Netz an Dingen, Handlungen, Worten, Blicken und Reaktionen geknüpft, dieses aber auch offen lässt, Verweisfäden des Nichterklärten, des Nicht-Nachvollziehbaren.

Zürcher betreibt so mit leichter Hand eine Pathologie des Normalen, (re)konstruiert den Surrealismus des Alltäglichen und Allgewöhnlichen bei allen bizarren Kleinigkeiten, wie einer leere Flasche, die in einen Topf gestellt, unaufhörlich wippt und kreiselt und damit schließlich auch einige der Figuren selbst amüsiert (womit jeder filmsymbolische Metaphern-Charakter sich schon wieder erledigt).

Mal notiert der Film in der Summe seiner Gestaltungsmittel zusammen mit diesem oder jenem Familienmitglied etwas, mal beobachtet er sie beim Beobachten; bleibt außen vor. Mal ist es ein eigenständiger umherschweifend-zufälliger, dann wieder genau interessierter, registrierender Blick (hier wird vor allem die rotbraune Katze zum heimlichen Protagonisten des Ganzen). Alles in statischen Einstellungen. Viele der kleinen großen Figurenreden, Anekdoten, zwei illustriert durch den Film, kommen in steifer Sprache daher – wer redet schon im Alltag im reinen Imperfekt? Dann wieder hingeworfenen, lautdenkende Dialogsätze, die sich an keinen richten, die durch den Raum und die Figuren wabern wie elektronische Wellen. Dabei bleibt DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN, das ist das erstaunliche, so originell wie unforciert, schlicht beeindruckend in seiner Souveränität. 

Alles hat, vielleicht, auch seinen Sinn, seine Logik, sind die gestischen „Spielhandlungen“ der Figuren, mal heiter, mal leicht bedrohlich (so wenn die Mutter sich verträumt anschickt, der futternden Katze mit dem Fuß den Kopf in den Napf zu drücken). Weil wir aber nichts erklärt bekommen, weil Psychologie und Kausalitäten weitgehend ausgespart sind, stehen wir mal lachend, mal mit einem unheimlichen Gefühl, stets aber staunend vor den Dingen, die nicht oder nur bedingt eine „errettete Wirklichkeit“ ist. Über das Unausgesprochene, das Verweigern und das Geworfene, das Traumartige, das Verrätselte (eines, das keine Lösung kennt – darin ähnelt der Film dem Beobachten eines David Lynchs, bei allen Unterschieden), über das Andeuten, Anschneiden und das Periphere lehrt DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN nicht das Sehen neu, aber ein fremdartiges Sehen. Man kann auch sagen: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ist vornehmster cineastischer Vertreter eines zärtlich magischen Autismus. Ein Film, der sich einem immer noch über die Augen legt und die Wahrnehmung verrückt, wenn man aus dem Kinosaal hinaus ist.

Kongenial und immer besser, immer treffender entlang des Filmverlaufs, tritt zur famosen Bildgestaltung des dffb-Kamerastudenten Alexander Haßkerl die Musik u.a. von Stephane Leonard hinzu. Freilich hätte man als Soundtrack ebenso gut Jazz-Meister Dave Brubecks „Take Five“ wählen können. Eleganz und doch neurotisch, leicht schizophren. E
rschienen ist das Stück auf dem Album von 1959 mit dem für DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ebenso passenden Titel Time Out. „Gruppenbild mit Katze“, so lautet die Logline des Films von Zürcher, der, ebenfalls noch an der dffb studiert (Regie). Sein Film ist im Rahmen eines Kurses von Béla Tarr entstanden (wurde dabei inspiriert von Kafkas „Die Verwandlung“, ist mithin gedacht [gewesen?] als soziale Studie in puncto Raum), und eigentlich kann Herr Zürcher (Jahrgang 1982) einem fast ein bisschen leid tun. Die Latte für seinen Abschlusswerk hat er sich selbst jedenfalls mit DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN sehr hoch gelegt.  

zyw




Montag, 25. Februar 2013

Zum Weimarer Kino jüngst in Berlin

Schön, so ganz zum aktuellen deutschen Film zählt das Weimarer Kino ja nicht mehr und auch die Berlinale 2013, auf der die Retrospektive sich dem "Weimar Touch" verschrieben hatte, ist jetzt schon wieder rum.

Neu und noch nicht abgeschlossen ist aber die Textreihe, in der sich ANSICHTSSACHE-Co-Herausgeber, -Autor und Oldie-Experte Harald Mühlbeyer eben den auf den Filmfestspielen in der Hauptstadt präsentierten Klassikern widmet. Zu finden sind die Beiträge HIER auf dem Berlinale-Blog von epd Film.

zyw

Mittwoch, 13. Februar 2013

Brüggemann vs. Berliner Schule

Am 11. Februar hat Dietrich Brüggemann, Regisseur von RENN, WENN DU KANNST und 3 ZIMMER / KÜCHE / BAD, sich, nachdem er sich Thomas Arslans GOLD (hier bei uns besprochen) angesehen hat, auf seinem Blog d-trick.de den Frust von der Seele geschrieben. Titel der Tirade, die mittlerweile mit einem Nachtrag nach dem Wirbel, den Brüggemann verursachte, versehen ist: "Fahr zur Hölle, Berliner Schule".

Zitat:

Was sind das für Regisseure, die die ganze Filmgeschichte gefressen haben, sich einen prätentiösen Titel nach dem anderen ausdenken, aber nicht in der Lage sind, eine einziges echtes Gefühl auszulösen? Geschweige denn irgendwie glaubhaft von der Liebe zu erzählen? Wo genau liegt eigentlich die künstlerische Individualität, wenn hundert Filme alle gleich aussehen? Und was ist das überhaupt für eine dämliche Kultur, in der man diese Simulation von Kino gut finden muß, weil es ansonsten ja nur noch den gräßlichen Mainstream gibt? Die Leute, die kluge Unterhaltung konnten, die haben wir ja vor 80 Jahren alle rausgeschmissen, und aus ihren Arbeiten besteht die interessanteste Sektion dieser Berlinale. Aber sind inzwischen keine nachgewachsen? Oder konnten sie sich nicht entfalten und haben irgendwann frustriert aufgehört, weil in Deutschland ja alles entweder todernst und tonnenschwer sein muß oder halt vor lauter Dämlichkeit stinken?

Ob jetzt ausgerechnet GOLD als Anlass für den Brandbrief taugt, insbesondere, wenn Brüggemann zumindest Innovation fordert (und, hey, immerhin ist GOLD Berliner Schule im Wilden Westen, und schöne Landschaft zeigt der Film auch schön her!) - darüber mag man anderer Meinung sein.   

Darüber hinaus aber hat Brüggemann in der Sache Recht, wenn er - wie übrigens auch wir in unserem Buch (irgendwo, mal kurz) - einen vernünftigen middle ground fordert. Wie und auf welche Weise der zustande kommen kann und sollte...

Brüggemann:

Jedes europäische Land produziert einerseits fürchterlich spaßbefreite Kunstfilme und andererseits wahnsinnig plattes Unterhaltungskino. Dazwischen gibt es dann noch so wohlmeinendes Wellness-Arthouse für Brigitte-Leserinnen, denen man öfter mal mitteilen muß, daß das Leben bezaubernd ist. Und das ist alles gleichermaßen beschissen.

Umso mehr tut es mir persönlich leid, dass Christian Petzolds BARBARA vom Verband der deutschen Filmkritik (VdFK) gestern Abend zum besten Film des Jahres 2012 gekürt wurde - und nicht der ebenfalls nominierte 3 ZIMMER / KÜCHE / BAD. Nicht weil es BARBARA nicht wert wäre. Nicht, weil Deutscher-Filmpreis-Anwärter BARBARA auch sonst so viele Preise und Nominierungen erhalten hat (kann ja kein Kriterium sein, wenn es um die Qualität eines Films per se gehen soll). Sondern weil Dietrich Brüggemann zusammen mit seiner Schwester (und Co-Drehbuchautorin) Anna nicht zuletzt dank 3 ZIMMER / KÜCHE / BAD als einem Film, der Generationen und Niveaus zusammengebracht hat, zwei der Hoffnungsträger für die Zukunft des deutschen Kino sind.

Übrigens: GOLD-Hauptdarstellerin Nina Hoss, die laut Brüggemann "fünf Filme lang herumlaufen muß wie ein abgeschalteter Roboter" bekam auf der letzten Berlinale den Silbernen Bären für ihre BARBARA.
Und nichts gegen Lars Eidinger und Alina Levshin (die wir - kleine Werbeschalte - ja auch in unserem Buch kurzporträtieren). Aber die als Beste Darstellerin" und "Bester Darsteller" hätte der VdFK-Jury gerne und mit gutem Recht eigentlich auch mal pauschal das Ensemble von 3 ZIMMER / KÜCHE / BAD prämieren können...

zyw

Samstag, 9. Februar 2013

BERLINALE 2013: (Katzen-) GOLD

Thomas Arslans bemerkenswert uneindeutige Reise durch die Wildnis

Kein Western sei es, erklärte Regisseur und Drehbuchautor Thomas Arslan in der Pressekonferenz, sondern eher, als Subgenre, ein Treck-Film. Die Zeit der klassischen Frontier, der Cowboys und all der großen Zivilisations- und Eroberungsmythen ist auch eigentlich schon vorbei, in der Zeit, in der GOLD spielt: Es sind die 1890er Jahre, und der Goldrausch in Kanada lockt auch deutsche Emigranten. Darunter das ehemalige Dienstmädchen Emily Meyer, die sich einer kleinen Reisegruppe unter Führung des sich schließlich als windig herausstellenden Wilhelm Laser (Peter Kurth) anschließt, um 1.500 Kilometer durch das unbesiedelte Land zu den Goldfeldern des Klondike zu gelangen. Beginn eines strapaziösen Zugs und eines fordernden Films.


Thomas Arslan (DEALER, und zuletzt mit IM SCHATTEN gefeiert) zählt gemeinhin zur ersten Generation der (Neuen) Berliner Schule, und man kommt nicht umhin, GOLD als einen entsprechenden Klassenausflug nach Bad Segeberg zu betrachten. Was zumindest nicht ganz fair dahingehend ist, als Bildgestalter Patrick Orth (der zusammen mit Ulrich Köhler u.a. BUNGALOW und SCHLAFKRANKHEIT drehte) atemberaubende Aufnahmen der Berg-, Wald- und Steppenlandschaft British Columbias und der kanadischen Rockys eingefangen hat, die zudem auf der Berlinale-Leinwand wundervoll scharf präsentiert wurden und die in den ruhigen und wohl gewählten Einstellungen voll zur Geltung kommen. Darüber hinaus ist es aber schwierig, den Film einzuschätzen – oder zumindest, mit ihm so recht warm zu werden. Was, je nach Standpunkt Programm sein mag oder halb geglücktes Bemühen.

Nina Hoss, Berlinale-Dauergast und Bären-Gewinnerin des letzten Jahres für ihr Spiel in Christian Petzolds BARBARA, hat den Sattel eines DDR-Fahrrads gegen einen auf einem echten Pferderücken getauscht, und wie gemacht scheint die spröder leidensbegabte blonde Schönheit für den wilden (Nord-)Westen und seine Strapazen – schließlich heißt sie auch, wenn auch nur mit dem Nachnamen, wie der dicke Cartwright-Sohn in „Bonanza“. Aber Kalauer hin oder her, GOLD fehlt es letztlich doch bei allem Existenzialismus und der Lust am Geworfensein im großen Ehrfurcht gebietenden Nirgendwo-Idyll als Hoffnungshölle auf dem Weg ins bessere Leben am notwendigen erzählerischen Surplus, um seine abgenutzten Situationen, Typen und Konflikte, mit denen der Film jongliert, zu legitimieren. So strauchelt, zumindest vordergründig, GOLD hin und wieder, schliddert auf blanker Drehbuchebene ins Metier eines TV-Westerns ab, selbst, wenn es ein anspruchsvoller und authentisch rauer sein mag.

Die Langsamkeit in ihrer Analyse, das distanzierte Beobachtende bei gleichzeitigem Einbezug des Zuschauers, das Berliner-Schulische (das freilich bei Arslan hier wie sonst nie so intellektuell-ästhetische geriet wie bei anderen, vor allem auch jüngeren Vertretern) kann und konnte seine enthüllende, analytische Wirkung wunderbar vor allem entfalten, wenn es wie ein Instrument auf die moderne Gegenwart und Oberfläche gerichtet war, um dahinter zu schauen, verdeckte oder nicht abbildbare Verhältnisse zu durchdringen und wenn auch nicht symbolisch-sichtbar, so doch erfahr- und begreifbar zu machen. In GOLD aber haben wir es mit einer anderen, fernen und fremden Zeit, ihren Menschen und Daseinsbedingungen zu tun, und das Spröde des Blicks geht so an den bisweilen museal hergezeigt wirkenden Westerndörfern, den immer etwas zu sauberen oder zu sorgfältig angeschmutzten Kostümen und Requisiten ins Leere – wenn er nicht zuvor von der Naturschönheit verschluckt wird.

Nach langer, fast lebensraubender Odyssee erwacht Nina Hoss so dezent wie geschmackvoll – und dennoch: – geschminkt, wie sie aus dem originalen Dampflockzug am Anfang steigt: die Brauen akkurat konturiert, die Lippen leicht kaminrot. Etwas irritierend Anachronistisches hat das Banjo von Lars Rudolph alias Rossmann, so hell, so viel Metall, nicht auch Plastik die Stimmdrehknöpfe?

Das ist keine Schluderigkeit der Ausstatter, auch nicht mit dem Verweis auf das mit zwei Millionen für einen solchen Film wie GOLD erstaunlich geringe Budget abzutun. Es hätte ein faszinierender künstlerischer Einfall sein können, der bewusste Einsatz von Unzeitgemäßem (vielleicht je mehr desto länger die Reise dauert). Auch die Elektrogitarrenklänge als Soundtrack gemahnen, zusammen mit der gesamten reduzierenden, getragenen Methaporikstimmung, an Jim Jarmuschs (Konter?-, Satire?-, Mystik?-) Western DEAD MAN – auch wenn Arslan sich in der Pressekonferenz davon zurecht distanzierte. Was aber will er und GOLD sonst? 

T. Arslan (r.) mit GOLD-Darstellern (Bild: zyw)
Die reflexive, rekapitulierende Beschäftigung mit vielen hier gebündelten, realen Reise-Erlebnisse deutscher Emigranten als arme Glücksritter – sowas mag die Förderstellen und Produzenten überzeugt haben. Es ist aber keine geeignete, zumindest keine hinreichende Grundlage oder Ausgangsbasis für die gebotene gehobene Stilistik des Films und seines Typenpersonals. Der arrogante Reporter aus dem Osten, der sich zum Anführer aufschwingt und Emily anmacht (Uwe Bohm), der arme unsichere Familienvater (Rudolph), der schweigsame Packer (Marko Mandic), von dem wir schon bei der ersten Begegnung wissen, dass er und Emily, wenn auch recht spät und nur sehr kurz, zusammenkommen. Selbst Nina Hoss darf in ihrer Rolle deren biografisch einfallslosen wie folglich glaubwürdigen Hintergrund erzählen, aber auch sie bleibt seltsam figurinen-, bisweilen gar staffagenhaft (oder, nach anderer Lesart: symbolisch-abstrakt). Damit wie mit dem Misstrauen gegen die Indianer, dem Radbruch, der Verwundung bis hin zu nötigen Amputation, Irrsinn, Rache, das Abzählreim-Prinzip, nach die Gruppe vorauszusehend reduziert wird – mit all dem samt der ästhetischen Reduktion hätte man wunderbar Genre-Reflexion oder -Dekonstruktion betreiben können, eine Persiflage oder Hommage. Weil aber GOLD keine Erkenntnis oder zumindest kein überzeugendes Erkenntnisinteresse bietet oder spürbar macht, müht man sich als Zuschauer – vielleicht gar umsonst –, einen Sinn hinter dem dann Schleppenden, dem Leder-Zähen, dem Hölzernen zu finden. Die Reise mag hier für manchen im Publikum das Ziel des Films sein, für anderen nur der Nachvollzug des erschöpfenden Trecks in, manches Mal, gefühlter Echtzeit. 

Vielleicht ist das aber gerade gelungen sinnbildlich für das geheime Thema und den zugleich eindeutigen Titel: Verführerisches, Gier weckendes, aber auch enttäuschende, verblendendes, gauklerisches GOLD.        

Ein sehenswerter, wiewohl oder gerade weil anstrengender und nicht garantiert lohnenswerter Film.
 
zyw

Donnerstag, 7. Februar 2013

Lemke zur Berlinale

Zum heutigen Auftakt der Berlinale meldet sich prompt Klaus Lemke, der ja mit den Filmfestspielen der Hauptstadt wie mit dem Fördersystem der BRD bekanntlich auf Kriegsfuß steht. Auf der "Klaus Lemke Filmpage" auf Facebook schreibt er da (wenn er es denn ist, aber warum nicht?):

6/2/13 BYE BYE BERLINALE!! Wie museal darf die berlinale noch sein? Vollsubventioniert wie das deutsche theater? Verbeamtet wie ein rundfunkorchester? Längst passiert jedwede innovation nur noch in u.s.-serien wie HOMELAND und BREAKING BAD. Längst sind tv-filme von dominik graf unendlich spannender als jedes produkt des feudalistischen deutschen förderwahns. Das ganze system film in deutschland ist ein fusstritt in jedwede kreativität. Lemke.


Donnerstag, 31. Januar 2013

Lese-Tipp: Linda Söffker im Interview

Linda Söffker, Leiterin der Berlinale-Sektion "Perspektive Deutsches Kino" gibt auf filmgazette Auskunft zu ihrer Arbeit.

"Perspektive deutsches Kino" "zeigt inhaltliche und stilistische Trends beim deutschen Film-Nachwuchs, Bekanntes und Unerwartetes. Die Sektion gibt einen Ausblick auf das zukünftige Profil des deutschen Kinos. Sie fördert Regie-Talente, die mit ihren Ideen und deren visueller Umsetzung dabei sind, sich einen Platz in der etablierten deutschen Kinolandschaft zu erobern" (so die Berlinale-Beschreibung).

Das Interview finden Sie HIER, eine Übersicht über das Programm der Sektion auf der kommenden Filmfestspiele HIER.