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Mittwoch, 10. Juni 2015

"Nordlichter" fördert Mystery

Noch bis zum 30. Juni suchen NDR, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und Normedia für ihre Nachwuchs-förderprogramm "Nordlichter" Projekt-einreichungen - und zwar für Ideen im Genre "Mystery".

Newcomer aus den Bereichen Drehbuch, Regie und Produktion (einer davon muss mindestens aus Norddeutschland stammen) können sich mit Exposees, Treatments oder fertigen Drehbüchern für einen abendfüllenden Spielfilm mit einem Maximalbudget von 900.000 Euro (je 300.000 von jeder Institution) bewerben.Vier davon sollen letztlich herauskommen und im NDR-Programm zu sehen sein.

Mehr: HIER

zyw

Donnerstag, 16. April 2015

"Eichwald, MdB" - die Turbo-Politgeschäftsposse

Alle vier Folgen der Sitcom "Eichwald, MdB" hat ZDFneo am Donnerstag bereits online gestellt. Und wie "Lerchenberg" (das ebenfalls aus der Versuchslabor "Quantum" des Kleinen Fernsehspiels entstammt), mehr vielleicht noch als dieses, istz "Eichwald, MdB" sehenswert. Sprich: Gerne mehr davon, und bald.

Wie hier schon erwähnt haben sich Regisseur Stefan Fabian Möhrke und Autor Stefan Stuckmann an der mittlerweile in vier Staffeln vorliegenden britischen Serie "The Thick of it" orientiert. Das merkt man deutlich - was keine Schande ist, sondern, im Gegenteil, eine Adelung, weil "Eichwald, MdB" fast ebenso vorzüglich funktioniert. Ebenfalls halbstündig, allerdings weniger wie Armando Iannuccis (dann doch noch etwas trockenerer, bissigerer und komplexerer) Posse auf den Politalltag im Doku-Stil gehalten, geht es auch hier um die kleinen Dauer-Ausnahmezustände auf den mittleren Fluren des Machtgewerbes. Kein Shakespear'sches hohes Regieren, sondern Parteigetaktieren und Profilationsspielchen. Der Witz entsteht durch Druck und Gefahr der öffentlichen Meinung, vergeigte PR-Arbeit und Medienbedrohung. "Eichwald, MdB" erzählt entsprechend vom Taktierens, dem Reagieren - es ist eine Komödie des Krisenmanagements eigener Entscheidungen, das Ausbügeln oder Ausbaden der cleveren (oder nicht ganz so cleveren) Schach- und Winkelzügen, der fadenscheinigen Pseudoevents und Intrigenaktionen, die schnell dem Parlamentarier und seinem um die Ohren fliegen. Politik ist hier Impro-Show-Geschäft, in dem alle fadenscheinig Form zu bewahren suchen, sich jedoch selbst nur der Nächste ist.

Ähnlich wie in "The Thick of it" ist auch das Team gebaut: der ältere, bräsige Berater (Bernd, gespielt von Rainer Reiners), der junge Medienbeauftragte (Sebastian - Leon Ullrich) und als Stimme der Vernunft die Dame im Team Julia (Lucie Heinze). Zwar sind die Rollen einen Tick zu dödelig oder stereotyp angelegt (etwa Power-Lifestyle-Etüden Sebastians), aber das schaded nicht. Denn "Eichwald, MdB" lebt besonders von rasanten Handeln und Geschehen, vor allen den flotten Dialogen, die über kreuz gehen, Gedanken nur anreißen, auf Vergangenes anspielen, en passant höcht politisch unkorrektem Frotzeleien aufwarten (oder den abgeklärten Zynismus demonstrieren), die
tatsächlich mit den hingeworfenen Namen, Gedankensplittern, Polit-Slang und -Phrasen, Metaphern und Affekt-Vulgaritäten fordern, gar überfordern, wegen des Tempos bisweilen, vor allem jedoch weil die Sprachspielebenen so unvermittelt durcheinandergehen. Entsprechend geraten diese Dialoge in ihrer Dichte, Hektik und Mehrlagigkeit des Kommunikationsstils und -gewühls selbst und gerade wenn man den Faden verliert mit ihrem durchexerzierten Termpo und Aktionismus des Moments zu einem ganz eigenen Stimmungsrauschen, das man jenseits von Inhalt und Handlungsführung amüsant genießt wie weiland die menschlichen Worte, Sätze bei Jacques Tati, die bei ihm vor allem atmosphärische Funktion hatten. 

"The Thick of It" - P. Capaldi (v., m.) - (c) BBC
Freilich fehlt "Eichwald, Mdb" ein Peter Capaldi als erfindungsreich obszön fluchende Kommunikationschef, der die kleine Unglückrunde heimsucht wie ein fürchterlicher Racheengel. Und zugleich fehlt er wieder nicht, denn neben der Fraktionschefin (Maren Kroymann) schafft es Eichwald-Darsteller Bernhard Schütz selbst, diesen Part im Ansatz gleich mit zu übernehmen.

Sein Abgeordneter ist ein fauler Opportunist, jemand, der die um seine Aufmerksamkeit buhlenden Berater in gespieltem Zuhören ignoriert, dann wieder um ihre Bestätigung heischt, der sein eigenes geistiges Süppchen kocht, der seine Gefährten in Gesprächen taktisch ans Messer liefert, der sie maßregelt, seine Zuneigung willkürlich verteilt und sofort wieder cholerisch Lösungen fordert, der sie jovial umgarnt oder ganz selbstverständlich ausnutzt oder sich von fadenscheinigen Ideen mitreißen lässt. Schütz' Hajo Eichwald ist ein sympathisch zerknautscher, geschickter Widerling, einer runden Figur allein, weil sie zwischen Lavieren, Karriereismus, hämischer Bosheit (etwa gegenüber dem feindlichen Parteifreund), vergifteter Höflichkeit, dumpfen Sexismus, Lüsternheit und Zynismus im Umgang mit sich selbst wie mit anderen sämtliche Formen der verhaltensmäßigen déformation professionnelle so verinnerlicht und automatisiert hat, dass sie ihm blind zur Natur geworden sind. Und gerade diese linkische Rücksichts- und Reflexionslosigkeit macht ihn für den Zuschauer so einnehmend, zudem hinreichend glaubwürdig: Bei allen Schwächen, Fehlern, kleinen und großen Missgriffen bleibt spürbar, dass und wie dieser Eichwald sich so lange hat im Amt halten können.  

© ZDF/Daniela Incoronato
Eben das unterscheidet die Serie auch von "Stromberg" (mit dem u.a. Carolin Ströbele  "Eichwald, MdB" in ihrer ZEIT-Online-Rezension vergleicht): Während Bernd Stromberg sich als selbstsicherer Macher aufspielt, um sich in und aus den Peinlichkeiten zu winden, dabei mit dem Blick in die ihn begleitende Mockumentary-Kamera sein Unwohlsein, mithin kleinherzige Selbst-Aufmerksamkeit demonstriert, ist Eichwald als Dauer-Hinterbänkler im Politgeschäft dann doch ein altgedienter, souveräner Profi. Desillusioniert und stets am Rande des Abgrunds, aber routiniert. Eichwald ist dahingehend ein ganz anderer Komik-Typ, eher einer wie James Cagneys McNamara in Billy Wilders "Eins, Zwei, Drei" von 1961, undynamischer, weit fauler, egozentrischer und bitter-sarkastischer, aber eben auch einer, der zur vollen Größe aufläuft, wenn es im Augenblick der Krise weniger zu denken als zu kommandieren gilt. 

Nein, mit "Stromberg" hat "Eichwald, MdB" trotz vieler Gemeinsamkeiten eben so wenig zu tun wie mit "House of Cards" und dessen Frank Underwood, weil die ZDF-Serie in ihrem Humor nicht nur ausnahmsweise nicht versöhnlich-brav daherkommt oder mit Witzfiguren und schlimmen Augenzwinkern, sondern auch nicht aufs (Fremd-)Schämen setzt. Während all diese für das deutsche Fernsehen typischen Merkmale auf ein Aus- und dabei Stillstellen hinauslaufen, ist "Eichwald, MdB", nämlich ganz politisch, ganz zeitgemäß, eine Satire der Bewegung, der ständigen Situationsveränderung, Beschleunigung, Eskalation und des Handelns und Handelnmüssens darin. Klar braucht es dafür die passenden Charaktere, die absurden, gar grotesken (immer aber geerdeten) Situationen, Wendungen, Peinlichkeiten. Solche, die oft genug an reale Vorbilder anschließen oder echte Namen anspielen (etwa: Wulff, Wagenknecht). Doch Witz und Gewitztheit entstehen eben in und aus der Dynamik "dazwischen".

Das macht "Eichwald, MdB" zur echten Polit(geschäfts)satire, eine, für die das Abgeordnetenbüro nicht bloße Kulisse oder beliebiger "workplace" ist (wie "Stromberg" oder "The Office" wahlweise in einer Versicherung oder einer Papierfirma spielt). Vor allem aber macht es die Serie zu einem Glücksfall, nicht bloß für das "Zweite". Oder, wie es Christian Buß auf Spiegel-Online schreibt:

"'Eichwald, MdB' ist ein kleiner Schritt in Sachen Polit-Satire, aber ein großer für das Humorverständnis und den Realitätssinn des ZDF."

Wobei "Realitätssinn" hier im besten Sinne mehreres bedeuten kann.

Alle vier Folgen von "Eichwald, MdB" finden Sie online HIER auf der Serien-Website.

zyw 

Montag, 13. April 2015

ZDF-"Breaking Bad" wird keins

Doch kein "Breaking Bad" soll der ZDF-Mehrteiler "Morgen hör' ich auf" mit Bastian Pastewka sein, wie Programmdirektor Dr. Himmler behauptet hatte. Im Horizont-Gespräch gab die zuständige Redakteurin Elke Müller nun bekannt, man habe sich für die Geschichte eines arbeitslosen Druckers, der auf kriminelle Abwege gerät, nicht an der US-Erfolgsserie orientiert. Überhaupt hätte es die Grundidee des unbescholtenen Bürgers, der sich aus eine Notlage heraus immer tiefer verstrickt, ja schon vor "Breaking Bad" gegeben - und mehr hätte "Morgen hör' ich auf" mit "BB" auch nicht gemein. Außer vielleicht: der Vierteiler (60 Min. pro Folge) soll "konsequent horizontal" erzählt werden. Was, in dieser Form als "Besonderheit" herausgestellt, zugleich putzig und traurig wirkt. Ob die  Daredevils vom Lerchenberg da mal nicht ihr Stammpublikum restlos überfordern?

zyw

Sonntag, 12. April 2015

TV-Serie: "Eichwald, MdB" auf ZDFneo

B. Schütz (m.) - Copyright: ZDF/ Daniela Incoronato
Am 16. Februar (22.45 Uhr) startet auf ZDFneo die Polit-Satire "Eichwald, MdB". In vier Folgen geht es um einen alternden Bundestagsabgeordneten und seine täglichen Querelen in den Mühlen der Berliner Parlamentspolitik. Ab 29. April ist die Mini-Serie, die sich etwa in die Innovationsversuchsecke von "Lerchenberg" (dessen zweite Staffel gerade in Arbeit ist) einordnen, auch im Hauptprogramm zu sehen.

In DRadio "Vollbild" haben sich Drehbuchautor Stefan Stuckmann und Regisseur Stefan Fabian Möhrke vorab zum Projekt geäußert (nachzulesen und nachzuhören HIER). Vielversprechend dabei u.a. ihre (zumindeste behauptete) Orientierung an britischen und US-amerikanischen Vorbildern wie "House of Cards", vor allem aber der Serie "The Thick of it". Entsprechend ist auch von einem hohen Erzähltempo und sonstigen Anforderungen an das Publikum die Rede. 

Generell klingt auch die Hauptrollen-Besetzung mit Bernhard Schütz spannend, ist dieser doch kein Komödien-Kasper, sondern präsentiert in Rollen oftmals eine Doppelbödigkeit, die gerade in jovialen Momenten seiner Figuren immer eine furchteinflößende Aggressivität durchblitzen lässt. Dies etwa in seinem Auftritt in Marc Bauders DAS SYSTEM - ALLES VERSTEHEN HEISST ALLES VERZEIHEN von 2012, in dem Schütz eindringlich einen Nach-Wende-Geschäftsmann mit allzu guten Stasi-Kontakt (bzw. einer entsprechenden Vergangenheit) verkörperte (was eine Dt. Filmpreis-Nominierung einbrachte).

Mehr dazu "Eichwald, Mdb" HIER auf der offiziellen Serien-Website.

zyw

Mittwoch, 25. Februar 2015

Deutsches FernsehKrimi-Festival 2015 in Wiesbaden

Vom 3. bis zum 8. März 2015 findet v.a. in der Wiesbadener Caligari FilmBühne erneut das Deutsche FernsehKrimi-Festival statt.

Im Wettbewerb laufen folgende Filme:

3. März 2015, 20.00 Uhr, Eröffnungsfilm: "Bella Block – Die schönste Nacht des Lebens" als Premiere, ZDF, Regie: Andreas Senn, Buch: Susanne Schneider

4. März 2015, 10.00 Uhr: "Tatort – Hydra", WDR, Regie: Nicole Weegmann, Buch: Jürgen Werner
4. März 2015, 14.30 Uhr: "Polizeiruf 110 – Morgengrauen", BR, Regie und Buch: Alexander Adolph 4. März 2015, 17.00 Uhr: "München Mord – Die Hölle bin ich", ZDF/ORF, Regie: Michael Gutmann, Buch: Alexander Adolph, Eva Wehrum
4. März 2015, 19.30 Uhr: "Tatort – Im Schmerz geboren", HR, Regie: Florian Schwarz, Buch: Michael Proehl
4. März 2015, 21.45 Uhr: "Wir waren Könige", ZDF/ARTE, Regie und Buch: Philipp Leinemann

5. März 2015, 10.00 Uhr: "Tatort – Brüder", RB/WDR, Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Wilfried Huismann, Dagmar Gabler
5. März 2015, 14.30 Uhr: "Polizeiruf 110 – Familiensache", NDR, Buch und Regie: Eoin Moore
5. März 2015, 17.00 Uhr: "Tatort – Vielleicht", RBB, Buch und Regie: Klaus Krämer
5. März 2015, 19.00 Uhr: "Dengler – Die letzte Flucht" als Premiere, ZDF, Buch und Regie: Lars Kraume

Im Rahmenprogramm diskutiert man am
4. März um 19.00 Uhr im Literaturhaus Villa Clementine zum Thema "Männersache Fernsehkrimi - oder braucht die Regie eine Quote?"

sowie am


6.  März um 16.00 Uhr im Murnau Filmtheater im Deutschen Filmhaus ZDF-Redakteur Wolfgang Fendt, Berater und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Gerd Hallenberger und Produzent Peter Nadermann (u.a. "Kommissar Beck", "Kommissarin Lund") unter dem Titel "International auf hohem Niveau - Die Zukunft der deutschen Krimiserie?" (wobei ich persönlich das Fragezeichen hier anders gesetzt hätte) darüber, warum "die Deutschen keine Serien machen wie 'Breaking Bad'". U.a. am Fall von DAS TEAM soll, nicht ganz subtil in der Ankündigung formuliert, geklärt werden: "Sieht so die Zukunft des deutschen Fernsehkrimis aus: Qualität, die auch auf dem internationalen Markt besteht?"

Das Gesamtprogramm finden Sie HIER.

Samstag, 21. Februar 2015

Serienfreud, Serienleid beim ZDF - DAS TEAM, SCHULD, TOD EINES MÄDCHENS

Wir bei ANSICHTSSACHE haben uns hier und hier bereits mit möglichen Impulsen und Inspirationen für die deutsche Fernsehlandschaft in Sachen Serienunterhaltung befasst. Denn wenn ARD & Co. schon nicht(s) (alles) selber machen können, dann doch bitte wenigsten gut adaptieren. Oder sich das eine oder andere direkt abschauen.

DAS TEAM (v.l.: J. Gerat, L. Mikkelsen, V. Baetens) (ZDF)
Jetzt versucht das ZDF neue Wege. Das ist gut. Das Ergebnis nicht so sehr, zumindest nicht so wirklich überzeugend nach Kritikermeinung. Hannah Pilarczyk hat sich etwa dasVorzeigeprodukt DAS TEAM für Spiegel-Online angeschaut, eine Kooperation in Sachen Handlung wie in puncto Herstellung: drei belgisch-dänisch-deutsche Ermittler (Jasmin Gerat, Lars Mikkelsen, Veerle Baetens) tun sich zusammen, um einen internationalen Verbrecherring dingfest zu machen. Vor allem das Etikett „Dänisch“ stimmt erwartungsfroh (und rief deutsche Drehbuchautoren auf den Plan, die sich beschwerten bzw. anmahnten,dass man auch hierzulande gute Stofferdenken und -entwickler habe, man müsse sie halt lassen). BORGEN, KOMMISSARIN LUND und zusammen mit Schweden: DIE BRÜCKE. Oder gar, man darf wohl nostalgieren, Lars von Triers RIGET / GEISTER.
  
Doch, so urteilt Pilarczyk: „[V]on Drehbuch über Regie bis Kamera zeichnen fast ausnahmslos vom dänischen Rundfunk geschulte Fachkräfte verantwortlich. Trotzdem ist 'The Team' größtenteils Murks.“ Und wie sie die Serie kritisiert, scheint nachvollziehbar und amüsiert. Die finale Feststellung betrübt allerdings: „Die Frage, ob Deutsche oder Dänen am Werk sind, ist deshalb wohl egal. Entscheidender ist der ausführende Sender. Und solang der das ZDF ist, wird es auch trotz Geld, Darstellern und dänischer Beteiligung einfach nichts mit guten Serien.

Ja, das böse ZDF. Kriegt sogar die Dänen klein, sozusagen. Immerhin anderweitig ist man auf dem Mainzer Lerchenberg auf der Höhe der Zeit. „Ein Fest für Serienfans“ – frohlockte eine Pressemeldung von 20. Februar: „Oline-Premier der ZDF-Krimireihe ‚Das Team‘ in europäischer Originalfassung“. Kurzum: Europäisch mit deutschen Untertiteln, vor allem: schon am Sonntag, den 22.2. ab 9.00 Uhr in der Mediathek (was wiederum auf die Altersfreigabe schließen lässt; den TATORT etwa bekommen Sie auch online erst ab 20.00 Uhr zu sehen. Und: Da ich diese Zeilen schreibe, läuft auf der DAS-TEAM-Website tatsächlich ein Countdown!). Die Linear-Zuschauer müssen sich bis zum 8. März gedulden, da läuft DAS TEAM um 22.00 Uhr.

Euch ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler wird euphorisch zitiert: „Dass die Krimireihe bereits vor Sendestart in der ZDF-Mediathek abrufbar ist, entspricht den veränderten Sehgewohnheiten und unterstreicht den innovativen Charakter dieser neuen Krimireihe, die für mich jetzt schon zu den Highlights des Jahres 2015 gehört."

Possierlich up to dategeben sich die ZDFler – als erkläre Großmutter einem, was ein Smartphone sei – dazu noch mit dem Verweis, die Zuschauer könnten online die ersten (!) (Doppel-)Folgen (je unter 2 Std.) am Stück anschauen – und setzen den „Fachbegriff“ für solch Tollerei in Klammern dahinter: „Binge-Watching“ nennt man sowas, ja ja. Echten Binge-Watcher, die sich auf 10, 12 Stunden (bspw. GAME OF THRONES) einstellen, entlockt das ein müdes Lächeln (Nachtrag: jetzt nach freischalten präsentiert das ZDF die ersten 7 von 8 Folgen mit je fast 60 Min. - zyw). Bei so manchem deutschen TV-Angebot kann freilich schon der Genuss einer einzelnen Folge bisweilen zur gefühlten Marathon-Sichtung werden ... Das Staffelfinale von DAS TEAM muss übrigens von den Fans für den Online-Genuss erst "freigetwittert" werden. Ob schon Hospitanten des Senders abgestellt sind, um das im Notfall selbst erledigen und der Redaktion die Schmach zu ersparen?

Moritz Bleibtreu in SCHULD (Quelle: ZDF)
Die Aufbereitung der Inhalte jedenfalls wurde vom ZDF schon mal in den Blick genommen, das ist gut. Auch ein anderes Vorzeigeprojekt, die sechsteilige Serie SCHULD nach Ferdinand von Schirach um merkwürdige moralische Mords- und sonstige Verbrechergeschichten und ihre juristische wie menschliche Aufarbeitung haben – im Wochenabstand – in der Mediathek Premiere, ehe sie im Fernsehen „zweitverwertet“ werden. Dazu kommt ein umfangreiches Second-Screen-Angebot. Denn mit dem Zweiten sieht man besser.

Angelegt ist SCHULD wie die Vorgängerreihe VERBRECHEN, ebenfalls Schirach-Adaptionen von Oliver Berbens Produktionsfirma Moovie, wobei statt Josef Bierbichler Moritz Bleibtreu nun den Anwalt mimt, der mit den teils tragischen, teils kuriosen Fällen zu tun bekommt. Hier wie da aber blieben und bleiben beiden Schauspielern nicht viel tun: Sie hören ihren Mandanten zu und sagen was vor Gericht. Und trotz großer Besetzung (Devid Striesow, Bibiana Beglau) war der erste Teil von SCHULD, „Der Andere“, nicht so wirklich prickelnd, zog sich mit seiner Schwinger-Ehepaar Geschichte dahin. Mag das das ZDF als Event preisen und auch etwa Jochen Hieber auf FAZ.net mögen: Ob SCHULD mit seinen durch das Bild trudelnden (computeranimierten) Gegenständen wirklich erzählerisch, inhaltlich und ästhetisch gerade die Online-Affinen anzieht, sei dahingestellt. Zumindest wohl nicht jene, die sich schon v.a. qua DVD-Box oder VOD-Angeboten ausländischen Serien zugewandt haben (so diese nicht auf Arte laufen). Oder es, wenn sie schlau sind, es demnächst tun werden.

Das bringt uns zum hier bei ANSICHTSSACHE erwähnten ZDF-Zweiteiler TOD EINES MÄDCHENS, der am 9. und 11. Februar zu sehen war, die deutsche Variante oder Nachahmung (oder zumindest „inspiriert“) von BROADCHURCH, der überaus erfolgreichen und sehenswerten 8-teiligen ITV-Krimidrama aus dem Jahr 2013.

TOD EINES MÄDCHENS reicht natürlich nicht an die britische Vorlage heran, ist aber doch so passabel geraten, dass es einen genauerem Blick auf die Pros und Contras bezüglich der „Adaptionsleistung“ lohnt.

Von der ZDF-Tochter Network Movie produziert ist TOD EINES MÄDCHENS mit seinen 180 Minuten rund zweihundert kürzer als BROADCHURCH und kann also nicht dieselbe Intensität erreichen, die nicht nur eine der Dauer ist, sondern auch eine der „parasozialen“ Erkundung des Ortes, der von dem ermordeten, am Strand gefundenen Jenni durchgeschüttelt wird, das (Mit-)Erleben der Figuren, die allesamt persönlich von dem Fall betroffen sind oder betroffen werden.

Notgedrungen verlegen sich die Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen zusammen mit Regisseur Thomas Berger hier und da auf Versatzhaftes in der Figurenzeichnung. Insgesamt aber kommt TOD EINES MÄDCHENS erstaunlich gut mit seiner Erzählzeit zurande, selbst (Vorsicht, Spoiler!) wenn etwa die ehebelastende Erklärung, weshalb Jennis Vater (Jörg Schüttauf) kein Alibi vorzuweisen hat, keine Affäre mit der Hotelbesitzerin ist wie in BROADCHURCH, sondern ein ordinärer Puff-Besuch, der, kaum, dass er aufgedeckt ist, für den weiteren Handlungsverlauf wie für die Figuren keine Rolle mehr spielt.

Was das „Abkupfern“ anbelangt, bleibt TOD EINES MÄDCHENS im ersten Teil plagiatshaft eng (was positiv gemeint ist!) am „Original“: Dunkle Wellen zum Auftakt, das Opfer wird erst nicht gar nicht vermisst, die Mutter ahnt es, stürzt schließlich aufgelöst über den Strand. Der stoffelige Polizeibeamte als Neuling (Heino Ferch) mit düsterer Vergangenheit, die Ermittlerin (Barbara Auer), die mit der Familie des Opfers gut befreundet ist, diverse Figuren(konstellationen), bisweilen leicht abgewandelt. Aber es gibt auch – teils originelle – Abweichungen: Ferch wird Barbara Auer nicht vor die Nase gesetzt, ihre Dienststelle in dem fiktiven Ostsee-Inselnest Nordholm wird schlicht dichtgemacht. Ebenso gab es das Heim für straffällig gewordene Jungs in Broadchurch nicht etc. (hätte es freilich hier wie da nicht gebraucht). In der zweiten Folge löst sich TOD EINES MÄDCHENS dann gänzlich von der Vorlage, bringt zwar nicht alle Fäden zusammen, verheddert sich aber ebensowenig in ihnen oder lässt sie allzu lose im Wind flattern. Kurzum: TOD EINES MÄDCHENS macht an und für sich als Zweiteiler Sinn.  

Darüber hinaus schaut sich TOD EINES MÄDCHENS auf auf anderer Ebene vieles auf geglückte Weise ab, empfindet Maßgebliches der britischen Serie nach. Florian Tessloff etwa liefert den passenden so traurigen wie düster-bedrohlichen Score. Der Kellenhusener Kreidefelsen sowie die idyllischen norddeutschen Häuser und Straßen, der raue See-Wind wiederum sind ganz eigene und eigentümliche Äquivalente zum eher sommersonnigen West Bay im südenglischen Dorset mit seinem markanten East Cliff am Chesil Beach, das zusammen u.a. mit Portishead, Bristol und Clevedon als Kulisse für Broadchurch diente.   

David Tennant u. Olivia Colman in BROADCHURCH
Problematisch ist allerdings Heino Ferchs Figur des Kriminalhauptkommissars Simon Kessler, gerade im Vergleich.

BROADCHURCHS DI Harding ist in seiner Brüskheit nicht nur interessant, sondern auch einnehmend, weil sie Ausdruck eines gewissen sozialen Unvermögens, teils Blindheit, teils Hilflosigkeit, ist. Eine, die für notwendige trockenhumorige Entlastung im Kindesmordmelodram sorgt, so wenn er unbeholfen doch einmal versucht, halbwegs umgänglich zu agieren oder ungelenk Anteilnahme zu zeigen. Das stellt Harding in eine Reihe mit Cumberbatchs Sherlock oder Sofia Helins Saga Norén in DIE BRÜCKE (bzw. Diane Krüger im US-Remake), und weil ihm Ex-„Dr. Who“ David Tennant dazu noch neben der Konfirmanden-Frisur, dem schweren schottischen Akzent und den dauerresignierten Zügen große dunkle Augen, dünne Nase und einen schlacksig-dürren Leib leiht, kann man von diesem linkisch-grummeligen Unsympath, der dazu noch krank ist und einen ungelösten Fall mit sich herumschleppt, gar nicht genug bekommen. Knuffen und knuddeln mag mag den garstigen, übergroßen Jungen - und sei's nur, um ihn so zu ärgern. Ein entsprechend famoses Team bieten Harding zusammen mit der leicht naiven, aber mütterlich-braven Kollegin Ellie Miller (Olivia Colemann).

H. Ferch, B. Auer (© Stefan Erhard/ ZDF)
Ferchs Kessler hingegen leiht sich von Harding zwar den grauen Knitteranzug samt ungebügeltem Hemd, trägt wie dieser die Krawatte immer etwas zu locker und den obersten Knopf zu offen. In seiner bulligen Gestalt, fast kahl geschoren und mit seinen kleinen blauen Augen gerät er in der Erscheinung wie im Auftreten jedoch einfach nur unterkühlt und aggressiv. Auch dieser Kessler hat seine Backstorywound, doch bleibt er, nicht nur als Charakter, sondern als Figur insgesamt abweisend, schlimmer noch: vielleicht gar bis viel zu kurz vor Schluss uninteressant, mithin die Konstellation mit Hella Christensen (Barbara Auer) unergiebig. Ferch ist durchaus keine Fehlbesetzung ebenso wenig wie sein Kessler ja bloßes Pendant zu Tennants Hardy: In der Übersetzung der Figur vor Dorset nach Schleswig-Holstein, von ITV ins ZDF, hat man sich allerdings zwischen Eigengewicht der Figur und ihrer „Funktion“ in Gesamthandlung und Dramaturgie zu weit von Harding entfernt oder nicht weit genug.

Das größte Manko von TOD EINES MÄDCHENS ist jedoch schließlich etwas, das auf die ZDF-Fiction auf breiter Front zutrifft und das gerade in der Gegenüberstellung zu BROADCHURCH so schmerzlich zutage tritt: die fehlende stilistische-ästhetische Inspiration oder der Wille dazu.

Während Matt Gray, der u.a. ganz wunderbar die ITV-Krimireihe VERA (lief bei uns auf ZDFneo) und ihr idyllisches Northumberland fotografierte, fasst BROADCHURCH unter der Regie von James Strong und Euros Lyn in eine markante, ungewohnte, dabei – bis auf geringe Aufnahmen – unaufdringliche Bilder, die der Serie etwa über das Spiel mit der Tiefenschärfe nicht nur besonderen Flair, sondern eine eigene Handschrift verleihen.

Dabei ist freilich TOD EINES MÄDCHENS nicht bloß Großaufnahme- und Schuss-Gegenschuss-TV-Kost. Eindrucksvoll etwa die freien Flug- (Dronen-?)Aufnahmen über das Städtchen mit seinen Klingerbauten, wie die Kamera das Fahrtzeug der Ermittler über die Allee verfolgt. Kein Gottes-, aber ein Schicksalsblick. Allerding steckt jenseits des kurzen Effekts und dem rein Spektakulären kein erkennbares Konzept, vor allem keines, das wirklich mit der übrigen Bildgestaltung zusammen ginge und eine größeren filmformal-ästhetischen Erfahrung böte.

Ähnliche „Über-Sichten“ etwa gibt es auch in BROADCHURCH, diese wie die Totalen, die Häuser und Straßen, die Strandabschnitte etc. sind weniger „groß“ und aus-, als vielmehr angespielt, eher eingebunden in das Gesamterleben der Geschichte der Kleinstadt und ihrer Heimsuchung durch den Mordfall. Etwas Steifes, Symmetrisches ist diesem Anschauen, diesem Blick-Durchwandern inne, damit etwas Unheimliches, das die Idylle des modernisierten, hellen Küsten- und Touristennestes als Fassade ausweist, mithin als überaus brüchig, als Schein. Bei aller Anteilnahme, bei aller Nähe ist BROADCHURCH nicht anheimelnd oder melodramatisch dicht im banalen Sinne, weil dank Matt Gray dem Betrachten ein kühl distanziertes, analytisches Element beigegeben ist, das mustergültig die schlimme, darin immer tragisch-ironische, nicht gemeine, aber böse Geschichten aller Hauptfiguren widerspiegelt.

Hinzu kommt die Qualität der Bilder selbst, ihre Materialität und das Farbspektrum – Gray schafft mit seiner Arri Alexa (samt Ultra-Prime-Linsen) eine Visualität, die über das Gezeigte, die Komposition und Auflösung der Szenen hinaus Kinowertigkeit hat. TOD EINES MÄDCHENS dagegen liefert einzelne starke Einstellung, die haften bleiben: Das rote einsame Turnbeutel in der Umkleide der Schule, den Jennis Mutter dort eilig hingehängt hat, weil sie ihre Tochter beim Sport wähnt. Kessler, der wartend bei seiner Kollegin zuhause in der Diele steht, sie stumm anschaut, weil er doch nicht einfach zum Essen gekommen ist, sondern die Spur im Mordfall hier ins Familienheim der Beamtin führt – draußen rücken schon die Uniformierten an.

Doch diese Bilder und Momente bekommen keine wirkliche Chance, weil TOD EINES MÄDCHENS allzu oft in dem typischen aseptischen ZDF-Plastik-Look einer pseudo-david-finscheresken farbtonalen Coolness daherkommt, einer, in dem Innenräume aussehen wie Wohnlandschaften im Möbelhaus und jeder Schatten wie nachträglich per Computer hineinretuschiert. Alle gestalterische Güte, jede visuelle Idee wird durch diese gekünstelte Anmutung konterkariert. Trauriger Höhepunkt: Wenn die Mutter der Toten mit leidverzerrter Miene auf den Leichnam ihrer Tochter am Strand zustürzt, die Beamten sie zurückhalten wollen, dann hat das eine emotionale Urgewalt, die wie in BROADCHURCH mittels Zeitlupe nicht übersteigert, sondern eher notwendig gebändigt, eingehegt (und doch eben auch: seziert) zu werden scheint. Weil aber in TOD EINES MÄDCHENS eben dieser ergreifende Moment als Slow Motion unvermittelt zur profanen HD-glatten Videovisualität und -virtualität gerät, bekommt es fast etwas Selbstironisches. Der fragile Pathos wird von seiner eigenen Technik hintergangen.

Das ist gar keine Kritik an den involvierten Künstlern und Gestaltern. Vielmehr sind schlicht Überlegungen schuld wie jene hinsichtlich der Produktionskosteneinsparung, welches Equipment zur Verfügung steht, wie viel Vorbereitungs- und Drehzeit am Set eingeplant wird, was in der „Post“ nachgebessert wird etc. Selbst Network Movie muss schließlich zwischen Event-TV und SOKO Köln scharf kalkulieren. Aber auch hier, in dem Bereich, jenseits großer historischer Kulissen und toller Effekte kostet Qualitätsfernsehen nun mal Geld. An DAS TEAM hat Network Movie übrigens enfalls mitgewirkt.

Allgemein besehen stimmt TOD EINES MÄDCHENS ambivalent. Das Gespür für die Stoffe und wie man mit ihnen umgeht, wie man sie nach Deutschland und auf die Anforderungen der Prime-Time überträgt, ist da. Dass derweil gerade ein solcher Zweiteiler sich nicht noch ein bisschen mehr traut, obwohl Luft nach oben ist, ohne dass Alt-Zuschauern schnappatmend zurückbleben, das ist zu bemängeln. Gerade im Visuellen. Es kann ja ruhig digital sein.

Und ein kleiner, womöglich gar nicht so teurer Schritt, um den Genuss stimmungsvollen ZDF-Contents enorm zu steigern, wäre ja auch schon mal, das penetrante orangefarbene Senderlogo durch ein dezentes (vielleicht transparentes?) zu ersetzen.

zyw


Sonntag, 8. Februar 2015

ZDF-"Broadchurch"-Version TOD EINES MÄDCHENS

(Quelle: ZDF/Stefan Erhard)
Hier auf ANSICHTSSACHE haben wir bereits auf den ZDF-Zweiteiler TOD EINES MÄDCHENS hingewiesen, der inhaltlich sehr an die britische Produktion BROADCHURCH erinnert.

In den USA wurde diese fortlaufend erzählende Serie um den Mord an einem kleinen Jungen in einem Küstenstädchen unter dem Namen GRACEPOINT ge-remaked, aber nach der ersten Staffel eingestellt. Hingegen ist im Heimatland die zweite, etwas schwächere aber immer noch sehenswerte BROADCHURCH-Season fast schon wieder vorbei.

DAS TOTE MÄDCHEN wiederum hat offiziell nichts mit alledem zu tun, gemäß Inhaltsangabe klingt das Projekt jedoch stark nach einem deutsche Pendant. Dieses jedoch nicht als Serie, sondern als Zweiteiler - der jetzt am kommenden Montag, den 9. Februar sowie am Mittwoch, den 11. Februar jeweils um 20.15 Uhr im Zweiten zu sehen sein wird.

Laut ZDF-Pressemitteilung:

"Thomas Berger inszenierte den Krimi mit prominenter Besetzung. Neben Heino Ferch, Barbara Auer, Anja Kling und Jörg Schüttauf spielen unter anderen Rainer Bock, Johann von Bülow, Hinnerk Schönemann, Peter Striebeck, Chris Veres und Gustav Peter Wöhler. Das Drehbuch stammt von Stefan Holtz und Florian Iwersen. 

Ein beschaulicher Ort an der Ostseeküste: Am Strand wird ein 14-jähriges Mädchen tot aufgefunden. Die ortsansässige Kommissarin Hella Christensen (Barbara Auer) erkennt die Tote sofort. Es handelt sich um Jenni, die Tochter ihrer Nachbarsfamilie. Hella ist sichtlich erschüttert, ist sie doch mit den Eltern des Opfers, Silke und Hauke Broder (Anja Kling, Jörg Schüttauf), eng befreundet. Doch ihr neuer Vorgesetzter, Kommissar Simon Kessler (Heino Ferch) aus Kiel, geht nüchtern an die Arbeit und übernimmt die Ermittlungen. Schnell stellt sich die Frage, ob der Täter ein Fremder ist, oder ob er sein Opfer kannte und aus dem Ort stammt. Freundschaften unter den Familien werden auf eine harte Probe gestellt und das Zusammenleben in seinen Grundfesten erschüttert."

Mehr zum Inhalt - der BROADCHURCH-ähnliche Figuren aufweist, bisweilen aber ihr Geschlecht wechselt - finden Sie HIER. Interviews und Hintergrundinfos gibt es HIER.

Ist TOD EINES MÄDCHENS bloßer BROADCHURCH-Abklatsch? Vielleicht. Aber gerade die Beobachtung der Aneignungsideen, Übersetzungsforden und der Einpassungen ins Zweiteilerformat machen es sicher wert, sich TOD EINES MÄDCHENS anzuschauen, gerade auch, wenn man das "Original" kennt und schätzt. 

zyw

(Anm.: In einer vorherigen Fassung wurde in diesem Beitrag noch der Titel - entsprechend der ZDF-Ankündigung im letzten Jahr - DAS TOTE MÄDCHEN angeführt. Das wurde jetzt korrigiert.) 

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Sendetermin von ZDF-Zweiteiler DAS TOTE MÄDCHEN

In einem Beitrag hatten wir im Mai bereits auf den ZDF-Zweiteiler DAS TOTE MÄDCHEN und seine auffällige Ähnlichkeit mit der bemerkenswerten britischen Serie BROADCHURCH und deren US-Remake GRACEPOINT hingewiesen.

Wie groß die Übereinstimmungen sind (und sein können), lässt sich bald feststellen: Das ZDF hat jetzt bekanntgegeben, dass DAS TOTE MÄDCHEN am Montag, den 9. und am Mittwoch, den 11. Februar 2015 jeweils um 20.15 Uhr zu sehen sein wird. Der Krimi, eine Produktion von Network Movie Hamburg, wurde in Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste, in Dänemark und Hamburg gedreht. Unter der Regie von Thomas Berger sind u.a. Heino Ferch, Barbara Auer, Anja Kling, Jörg Schüttauf und Hinnerk Schönemann zu sehen.


Montag, 15. Dezember 2014

Tipp: ALTERSGLÜHEN bei epd Medien

ALTERSGLÜHEN von Jan G. Schütte haben wir HIER schon vorgestellt - jetzt erinnert auch Torsten Körner in epd Medien an den "German-Mumblecore"-Impro-Fernsehfilm:

"'Altersglühen' ist deshalb ein eminent brauchbarer Film über den Augenblick hinaus, weil er die Redaktionen herausfordert, weil er die Gewerke provoziert, weil er Arbeitsabläufe verändert. [...] [D]as Fernsehen soll von Ideen wie diesen und Kreativen wie Jan Georg Schütte heimgesucht werden".

Den Beitrag finden Sie online HIER.






Montag, 1. Dezember 2014

BE MY BABY gewinnt FILMZ-Hauptpreis 2014

BE MY BABY von Christina Schiewe gewinnt das "Mainzer Rad", den Hauptpreis des FILMZ - Festival des deutschen Kinos! Und ist schon heute Nacht zu sehen, ab 00:05 Uhr, im ZDF (u. familienfreundilcher am 05.12.2014, 20:15 Uhr, auf ZDF-Kultur). Die Geschichte einer jungen Frau mit Down-Syndrom (Carina Kühne in ihrer allersten Spielfilmrolle) die ein Kind möchte. Bemerkenswerter, witziger Film,  kein Trauer-, Lehr- und Rührstück - trotzdem (oder gerade deshalb) nicht eindimensional. Glückwunsch!

(zyw)

Freitag, 21. November 2014

ALTERSGLÜHEN - German Mumblecore aus Hamburg und im Fernsehen

Wenn am kommenden Freitag und Samstag in Frankfurt a. M und in Mainz eine große Veranstaltung zum Thema "German Mumblecore" stattfindet, versammeln sich vorwiegend Berliner auf dem Podium. Doch das freie Improspiel für und vor der Kamera ist natürlich nicht auf die Hauptstadt begrenzt. Schon im Buch ANSICHTSSACHE haben wir auch den Hamburger Jan Georg Schütte zu Wort kommen lassen, der neben seiner Theaterarbeit uns Filme wie SWINGER CLUB (2006) und DIE GLÜCKLICHEN (2008) bescherte.

Schütte präsentierte vor kurzem ein interessantes Stück, das nicht nur so empfehlenswert weil so gelungen ist, sondern weil es zeigt, dass und wie German Mumblecore auch ein wenig anders geht. ALTERSGLÜHEN - SPEED DATING FÜR SENIOREN lief am 12. November 2014 im Ersten und basiert auf Schüttes Hörspiel (!) bzw. dessen Idee: dreizehn Menschen zwischen Ende 60 und 80 Jahren mit unterschiedlicher Herkunft und Liebesbedürftigkeit, diversen Motiven und Temperamenten treffen sich in einer noblen Villa (gedreht wurde im Herrenhaus Höltigbaum in Hamburg-Rahlstedt), auf das Männlein und Weiblein sich für sieben Minuten beim Bäumchen-Wechsel-Dich-Reigen kennenlernen und vielleicht finden mögen.

Unter den gestandenen, namenhaften Schauspielern sind Senta Berger, Angela Winkler und Christine Schorn, Mario Adorf, Matthias Habich, Michael Gwisdek und Jochen Stern. Schütte selbst spielt den Veranstalter und Conférencier des Speed-Datings.

Es ist eine Wonne, diesen Schauspielern zuzuschauen, wie sie / ihre Figuren sich gegenüber sich selbst, ihrem Gegenüber und für die Kamera inszenieren - vor allem: dabei improvisieren. Natürlich gibt es einige Handlungsfäden und Vorabeinfälle, doch das Meiste entstand aus dem Moment bzw. der Rolle heraus. Man irritiert sich, es vibriert, es hakt, es ist von bestechener Augenblicksverhaftetheit, Authentizität, Im-Moment-Entscheiden, Zögern, von Verhalten, Verhaltensollen und Verhaltensrollen (durch die Hindurch immer wieder das hindurchschimmert, das verborgen werden soll): Reaktion und Gegenreaktion - sich einlassen, registrieren. Beste Schauspielerübung.

So wie es im Alltag überall beobachtbar ist, wo Menschen mit einander umgehen, besonders aber in solchen gesellschaftlichen Zweier-Beziehungsmomenten wie denen der reglementierten  Partnervermittlung - eine brilliante Wahlentscheidung Schüttes, die Sujet-Situation betreffend.

Es ist zugleich eine Lebendingkeit, wie sie in Filmen viel zu selten miterlebbar wird, vielleicht weil sie auch darin viel zu selten oder schwer einzufangen ist.

Evelyn Roll hat in der Süddeutschen Zeitung höchstens bedingt recht, wenn sie befindet: 
"Wer sich Altersglühen mit den handelsüblichen Erwartungen unserer Omas an deutsche Fernsehdrehbücher und an die Schauspielkunst unserer Besten anschaut, wird leiden, wird es langweilig finden, spannungslos und peinlich."

Genau auf den Punkt bringt sie es aber, wenn sie schreibt: "Wenn man aber mit der Akzeptanz des Konzepts den Film noch einmal sieht, geschieht etwas ganz Bemerkenswertes: Wie von verdorbenen Sehgewohnheiten befreit, sieht man plötzlich, wie mutig, bezaubernd und berührend es ist, dass dreizehn etablierte Stars mit der Verletzlichkeit ihrer Figuren auch die eigene Verletzlichkeit ausstellen." -- Allerdings kann einem das durchaus schon beim ersten Sehen aufgehen...

Und natürlich: "Fast unglaublich, dass öffentlich-rechtliche Sender so ein umstürzendes Werkstattexperiment möglich machen und zur besten Sendezeit zeigen.“

ALTERSGLÜHEN, im Auftrag der ARD von Riva Filmproduktion (schon bei Schüttes LEG IHN UM - EIN FAMILIENFEST dabei), NDR und WDR produziert, setzt sich denn auch in diversen Aspekten von vielen aktuellen Mumblecore-Filmen ab:

1.) Es ist ein von der "Vermarktung" her "normaler" TV-Film, kein Erlebnis-Werk, das fürs Kino und seine Erfahrung gedreht wurde. Und es ein Film, der wunderbar, heißt: auf erfrischende und erfrischend unspektakuläre Weise auch auf dem Fernsehschirm funktioniert (auch von den Zahlen her: Marktanteil von 16,2 %, also 5,7 Mio. Zuschauer). Wie er das auf der Leinwand sicherlich auch getan hätte. ALTERSGLÜHEN belegt: Mumblecore hat im deutschen Öffentlich-Rechtlichen (wie potenziell bei den Privaten) nicht nur eine Chance, sondern auch einen berechtigten Platz, und das, ohne als etwas Exzeptionelles daherkommen zu müssen.

2.) Statt meist junger Menschen, stehen hier Ältere im Mittelpunkt (was natürlich bestenfalls "vereinfacht" ist, man denke an Nico Sommers SILVI oder aktuell FAMILIENFIEBER, der beim FILMZ - Festival des deutschen Kinos nächste Woche im Wettbewerb läuft -- aber es geht hier ja auch um Skizzierung der Gegensätz en gros). ALTERGLÜHEN handelt denn auch weniger von Beziehungsproblemen oder dem Sichein- oder -zurechtfinden im/ins eigene Leben, sondern um die Probleme und Sehnsüchte gerade von Reiferen, die wissen, was sie sind, vorher sie kommen, wohin sie gehen (wollen), dabei sich aber trotzdem im Weg stehen. Oder gerade deswegen.

3.) Die Darsteller sind bei Schütte aber nicht nur damit automatisch älter als im Mumblecore-Durchschnitt, sondern auch überwiegend wohlbekannte, "klassische" Schauspieler. Das ist eine besondere Herausforderung nicht für diese, weil Improvisation nicht unbedingt deren (berufliches Alltags-)Ding ist, sondern auch für den Zuschauer, dem die Gesichter gut vertraut sind, der sie mit bestimmten Rollen oder Rollenmustern, auch Unterhaltungsqualitäten assoziiert, der aber hier, qua Augenblicksspiel, doch eine etwas andere Senta Berger erlebt, einen so noch ungesehenen Habich. (Unbenommen bleibt, dass manche(r) sich hier in der "Freiheit" des Moment-Agierens besser behauptet als der oder die eine andere, siehe auch Rolls zitierte Kritik). Schütte selbst ist auch Jahrgang 1962, damit älter als die meisten "Mumblecorer".  

4.) Anders als PAPA GOLD und KAPTN OSKAR (von Tom Lass), LOVESTEAKS und FRONTALWATTE (Jakob Lass), STAUB AUF UNSEREN HERZEN (Hanna Doose), DICKE MÄDCHEN von Axel Ranisch, FAMILIENFIEBER oder SILVIE von Nico Sommer findet die Handlung in ALTERSGLÜHEN nicht über mehrere Tage und oftmals Drehorte hinweg statt. Nahezu in "Echtzeit" und räumlich begrenzt ist es - ohne experimental zu wirken - eine von Schütte mit leichter Hand (oder bewusst eben nicht) gesteuerte Versuchsanordnung, die als solche nicht erscheint (und störend auffällt), weil sie von der "Story" und ihrer Idee her von sich aus schon eben eine solche gibt.

5.) Eng damit verknüpft ist: ALTERSGLÜHEN hat keine Haupt- oder Zentralfigur, es ist ein - auch dramaturgisch - weitestgehend hierarchieloser Ensemblefilm, gerade weil sich der Film auf  abwechselnd und sich in der Konstellation verändernde Zweiersituationen konzentriert. ALTERSGLÜHEN ist fast ein Kammerspiel, ein Bühnenstück, auch wenn man es ihm überhaupt nicht ansieht - und Schütte ohnehin einer, der mit relativ großen wiederkehrenden Kollegen-Ensemble dreht (darunter seine "Glücklichen": Stephan Schad, Pheline Rogan, Oliver Sauer, Susanne Wolff, Ole Schlosshauer).

6.) Last but not least - nein, ein Knüller: "Seit dem 13. November wird 'Altersglühen - Die Serie' in sechs Folgen im NDR Fernsehen ausgestrahlt. Dabei wird pro Folge eine Figur durch ihre Treffen begleitet". Mumblecore in (Fernseh-)Serie. Was Schütte bereits 2010 mit seiner dreiteiligen "Mini-Serie" Koffie to go allerdings vormachte. Und freilich wird's hier schon haarig; reduziert man Mumblecore aufs Improvisieren, auf das Ungeskriptete, könnte man auch allzu schnell Olli Dietrichs famosen Dittsche - Das wirklich wahre Leben (der jetzt in die 9. Staffel geht), irgendwann jedes Reality-Format mit einbeziehen. Was aber "German Mumblecore" genau ist, wo die Grenzen zumindest insofern zu ziehen sind als dass der Behelfsbegriff nicht gänzlich verwässert, selbst wenn man ihn auf das Fernsehen und andere Kanäle ("Mumblecore"-Webserie; macht das Sinn?) überträgt, klärt sich auf dem zweitiligen Symposium nächstes Wochenende (s.o.). Ganz gewiss. 

Jedenfalls und kurzum, ALTERSGLÜHEN demonstriert: "German Mumblecore" ist sehenswert, erfolgreich, vielseitig, kann es jedenfalls sein, dabei zugleich in verschiedener Weise "gesetzter", im positiven Sinne einfügsamer, potenziell vielseitiger und ggf. formaterweiternder als es der - wiewohl praktisch berechtigte und ja nicht unkluge - vorherrschende (und auch hier bei ANSICHTSSACHE gepflegte) Fokus auf ihn als Spielart des "jungen deutschen Kinos" erscheinen lässt.

"Mumblecore" ist Prime-Time-geeignet.



ALTERSGLÜHEN - SPEED DATING FÜR SENIOREN ist HIER noch in der ARD-Mediathek zu sehen. Es lohnt sich.

Ein Interview mit Schütte zu ALTERSGLÜHEN samt Statements der Schauspieler finden Sie HIER.
Einen aufschlussreichen Spiegel-Online-Bericht von den Dreharbeiten gibt es HIER.


Bernd Zywietz

TIPP: DIE FEIGHEIT DES LÖWEN - zweiter TATORT von Marvin Kren

Negahban (l.), Kren (m.), W.Möhring (r.), Bild: DasErste
Zur Filmz - Festival des deutschen Kinos-Vorführung von BLUTGLETSCHER (im Rahmen der FILMZ-Genre-Nacht) am 27.11. kann Marvin Kren leider nicht in Mainz sein. Dafür "schickt" er am Sonntag, den 30.11. (20.15 Uhr, ARD - DasErste) seinen zweiten TATORT - nach dem (auch ästhetisch) gelungenen Politthriller KALTSTART; erneut mit Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller. Titel: DIE FEIGHEIT DES LÖWENS. Drehbuch: Friedich Ani. Nebendarsteller: "Homeland"-Terrorpate Abu Nazir alias Navid Negahban.
 

Mehr im Gespräch mit Marvin Kren: HIER.

Sonntag, 9. November 2014

TV crossmedial: "Dina Foxx" zum / im Zweiten.

Am 9. November wächst auch bei ZDFneo zusammen, was zusammengehört. Gemeint ist dabei nicht Ost- und Westdeutschland bzw. die Festivitäten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, sondern das Schleifen der Mediengrenzen: Das cross-mediale Projekt "Dina Foxx - Tödlicher Kontakt" findet nicht nur auf dem Fernsehbildschirm statt, sondern auch auf dem Tablett- und anderen Displays: Neben dem zweiteiligen TV-Film (9. u. 16.11.; je 19.30 Uhr) wird die Handlung im Netz fortgesetzt und ergänzt.

"[D]as ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil die Online-Elemente echten Mehrwert bieten. Schlecht, weil der reine TV-Film ohne die Begleitstücke im Netz somit nur bedingt funktioniert. Zu vieles bleibt rätselhaft, das Ende ganz und gar nebulös - und all jene Zuschauer unbefriedigt, die nicht selbst im Netz nach Aufklärung suchen", so urteilt Ann-Kathrin Nezik auf Spiegel-Online.

Ein allbekanntes wie fundamentales Problem transmedialen Erzählens. Schon das Vorgänger-Projekt "Wer rette Dina Foxx?" von 2011 u. entwickelt von ZDF, UFA-Lab und teamWorx, haderte mit dem Zerreissen des Erzählens: im ersten Teil geht es um einen Mord im Datenschutzbranchenmilieu, als dessen Täten die natürlich unschulidige Netzaktivistin Dina Foxx verdächtigt und inhaftiert wird. Ohne Auflösung endete das, brüskierte Zuschauergewohnheiten; die Handlungs verlegte sich ins Netz, auf Facebook und in die Realität von Geocaching-Aufgaben, ehe die Auflösung dann wieder im TV nachgereicht wurde.

Dina Foxx 2014 - Bild: ZDF/Florian Foest
Die zentrale Herausforderung war und blieb also insbesondere auch bei Teil 2, passives Fernsehen und (inter-)aktives Web-Erlebnis sowohl erzählerisch sinnvoll zu verknüpfen wie eigenrechtlich auseinanderzuhalten. Die unterschiedlichen Rezeptionsformate gleichwertig bedient unter einem Hut bringen: die Quadratur des Kreises. Ergebnis ist, so Nezik, dass sich "Dina Foxx - Tödlicher Kontakt" wieder stärker am Traditionellen (oder: Konservativen) orientiert: "Der zweiteilige Film liefert auch ohne Online-Erweiterungen eine abgeschlossene Handlung. Verstehen lässt sich die Geschichte aber nur vollständig, so das Versprechen, wenn man sich ins Netz begibt und dort zusätzliche Filmsequenzen schaut und in einem interaktiven Spielen nach Spuren sucht." Abgeschlossen, aber nicht vollständig verständlich.

Die Kritik an dem nicht stimmig Ineinander-Aufgehen von lean-forward- und lean-back-Unterhaltung ist freilich billig, weil sie weniger dem Projekt entspringt, sondern auf prinzipielle Convergence-Culture-Experimente und ihre Fragen und Probleme verweist - Fragen und Probleme, die auch in näherer Zukunft nicht befriedigend zu beantworten, geschweigen denn zu lösen sind.

Auch ein anderer Kritikpunkt, den Nezik vorbringt, ist dahingehend zu relativieren: "Bei aller erzählerischen Komplexität, die der Plot erfordert, ist die Geschichte doch voller Klischees. Profitgieriger Konzern gegen militante Umweltaktivisten - so etwas hat man schon in einem mittelmäßigen 'Tatort' gesehen."

Das mag einerseits so sein, und schon "Wer rettet Dina Foxx?" war bisweilen ganz schön abgedroschen. Doch auch das ist ein Vorwurf, der wieder auf den - freilich argumentativ konstruierten, da Zwischensformen von Nutzungprofilen ignorierenden - Dualismus "passive TV-Film-Schauen" hier, "interaktive Web- u. Alternate-Realty-Erfahrung" dort zurückführt.

Denn betrachtet man etwa populäre Computer-Spiele, trifft man auch dort sehr oft auf gut abgehangene Steroytype, sei es Sujet und Dramaturgie betreffend, sei es was Figuren, ihre Zeichnugen und Konstellationen anbelangt. Innovatives und Avanciertes (etwa hinsichtlich des Genres oder der Erzählung) wird zwar auch in der Games-Branche notiert und gewürdigt, hat aber einen anderen Stellenwert. Inhaltlich-erzählerische Alltbackenheit und Ödnis kann nämlich u.a. durch eine faszinierende Spielmechanik aufgewogen werden.

Entsprechend ist eine Story von der Stange (inklusive altbekanntem Rollenensemble darin) weniger als Manko der TV-Film-Unterhaltung zu gewichten, denn als eine Art Zugeständnis hinsichtlich des "gameplays", also der Crossmedialtät u. ihres Zuschauereinbezugs, an die vor allem weniger Web 2.0-Versierte, die man nicht zusätzlich durch eine innovative Story (über-)fordern will. Das kann man nun werten wie man will. Fakt ist aber, dass oftmals auf eine solche Weise Neues mit Altes einher- und zusammenging. Man erinnere sich nur an den Film TRON von 1982 mit seiner heute noch eindrucksvollen Computerwelt-Optik und zugleich fast mythisch simplen Handlung.   


Dina Foxx 2011 - Bild: ZDF/Florian Foest
Immerhin lobt auch Nezik auf SPON vor allem die Ausgestaltung der Figuren. Wobei einen Qualitätssprung gegenüber dem ersten Dina-Foxx-Projekt allein schon bedeutet, dass die Titelheldin nun nicht erneut von der enervierend bis fremdschämend forciert hipp auftretenden Jessica Richter als "Datagirl" gespielt wird, sondern von einer etwas herb-kantigeren Katharina Schlothauer. Die ZDF-Vorstellung, wie es in der Computerfach- und Webaktivistenwelt zugeht (und wie man darin aussieht und agiert), hat sich, wenigstens ein bisschen und zumindest in ästhetischer Hinsicht, gebessert (nämlich in die Schmuddel-Richtung "KDD - Kriminaldauerdienst").

Zumindest so gesehen ist "Dina Foxx - Tödlicher Kontakt" immer noch "zdf-ig" (-"neo" hin oder her), aber klar ein Fortschritt gegenüber "Wer rettet Dina Foxx?" von 2011.

Die offizielle Website zum neuen Dina-Foxx-Abenteur, in der Online-Content bereits freigeschaltet ist, finden Sie unter: dinafoxx.zdf.de

zyw

Montag, 22. September 2014

Wortmeldungen zum TV-Serien-Stand

Netflix ist da und wirft einmal mehr die Frage nach Stand und Standard des hiesigen TV hinsichtlich Qualität und Mut in puncto (Serien-)Unterhaltung auf.

Klar, dass Netflix nicht der Heilbringer ist, für den manch einer den Dienst gehalten haben mag - dafür sind etwa die verschiedenen Qualitätsserien vor allen aus den USA über die verschiedenen Streaming- u. VoD-Anbieter wie Maxdome etc. verteilt. Entsprechend bietet - traurig aber war - das umfassendsten und noch dazu "kostenlose" Angebot illegale Plattformen wie movie4k.to (dazu stand ja schon was in ANSICHTSSACHE, und auch die Sendung "Breitband" des Deutschlandradios hat sich dem Thema HIER angenommen).

Jetzt hat Netflix nonchalant die deutsche Fiction-Kultur aber auch noch abgewatscht: Erstmal keine deutsche Produktion, so danken freundlich Joris Evers und Inhalts-Chef Ted Sarandos unisono ab. Zunächst schauen, was das Publikum hier so schaut. Doch das Interesse am Nutzungsverhalten kann man fast als Drohung auffassen, nämlich dann, wenn der Blick sich am Angebot (und eben der Nachfrage) der Öffentlich-Rechtlichen orientiert, deren SOKOs etc. ja geschaut werden.

Mark Wachholz jedenfalls hat dazu einen langen Beitrag ("Von Netflix den Spiegel vorgehalten") auf der Website des Kreativbündnisses Neuer Deutscher Genrefilm veröffentlicht. Sich ihn anzuschauen lohnt allemal, allein, weil darauf auf ein böses Video von "Walulis sieht fern" eingebettet ist, in dem man sich satirisch überlegt, wie GAME OF THRONES wohl aussehen würde, würde es vom deutschen Gebührenfernsehen (und vor allem der DEGETO) produziert. Freilich: WALULIS SIEHT FERN ist ja quasi selbst auch wieder ein bisschen ARD, ist zumindest auf EinsPlus zu sehen...

Dass sich Berufssatiriker der Sache annehmen, ist eine Sache, und manchmal ist man schon versucht, die Minderwertigkeit von ARD, ZDF und Co. allein dadurch gerechtfertigt zu sehen, dass man sich zu herzhaft drüber lustig machen kann. Allerdings hat auch Schauspielerin Corinna Harfouch sich im Interview gar nicht nett über die Sendeanstalten, dabei u.a. über den Krimi-Wahn (im Zeichen der Überthemas Einfallslosigkeit) ausgelassen.

Ähnlich, wenn auch entspannter Rentner-Perspektive, äußerte sich ein Urgestein des deutschen TV, der Drehbuch- und Romanautor Felix Huby. Dieser kann auf 30 Jahr im Gewerbe zurückschauen, hat u.a. die TATORT-Ermittler Schimanski und Bienzle (mit-)erfunden, dazu ROSA ROTH und viele (auch: Familien-) Stoffe (EIN BAYER AUF RÜGEN) mehr. Befragt von Oliver Schütte für die Website des Verbands Deutscher Drehbuchautoren, "Stichwort: Drehbuch", kann Huby im Zuge seines Karriererückblicks von paradiesischen Zeiten erzählen (und tut dies auch ohne falsche Zurückhaltung), Zeiten, in denen Kreativität noch vor Kalkül ging. Das überaus - auch fernsehgeschichtlich - empfehlenswerte Gespräch mit beredten Innensichten, Einschätzungen und Anekdoten finden Sie HIER.

Auch Huby, übrigens, moniert die Krimi-Flut des Deutsch-TVs und bewundert etwa die Netflix-Eigen- und Erfolgsserie HOUSE OF CARDS. Etwas, das man ja auch hier machen könne.
Wenn man könnte.


zyw


 

Sonntag, 14. September 2014

Tipp: TATORT von André Erkau am 28. September

André Erkau hatten wir in ANSICHTSSACHE zu Wort kommen lassen. Mit "Wahre Liebe", einem Fall für die Kölner Ermittler Schenk und Ballauf, präsentiert der Regisseur von SELBSTGESPRÄCHE, ARSCHKALT oder DAS LEBEN IST NICHTS FÜR FEIGLINGE nun seinen ersten TATORT. Zu sehen ist der Beitrag zu Deutschlands erfolgreichster Krimi-Reihe am Sonntag, den 28. September. Gesellschaftsthema als Fallhintergrund: Partnerbörsen im Internet.

Mehr Infos zum WDR-TATORT "Wahre Liebe" gibt es HIER.

Ein Interview mit Erkau dazu HIER.

Mittwoch, 23. Juli 2014

ZDF-Jahrbuch 2013 erschienen

Besser spät als nie: das ZDF hat online sein "Jahrbuch 2013" veröffentlicht. Neben Bilanzen, Finanzen und sonstigen offiziellen Berichten findet sich darin auch eine Übersicht der ausgestrahlten Spiel- u. Fernsehfilme - inklusive den jeweiligen Zuschauerzahlen (im Punkt "Programmchronik").

Das ZDF-Jahrbuch 2013 finden Sie HIER.

zyw

Donnerstag, 12. Juni 2014

Eil-Tipp: AM HIMMEL DER TAG von Pola Beck im Ersten.

Jetzt schnell noch eine Alternative: Wer keine WM mag (z.B. weil er die FIFA böse und gemein findet oder weil sowieso klar ist, dass es 0:0 ausgeht), kann sich stattdessen im Ersten um 22.45 Uhr den vielfach ausgezeichneten Spielfilm von Pola Beck AM HIMMEL DER TAG (als "Filmdebüt im Ersten") ansehen. Mit der großartigen Aylin Tetzel. Und wer trotzdem lieber Kicker kuckt: in der Mediathek wird er wohl noch die nächsten 7 Tagen zu finden sein. Oder auf DVD. Keine Ausreden also!

Mehr zum Film HIER.


Freitag, 16. Mai 2014

DAS TOTE MÄDCHEN = deutsches BROADCHURCH?

O. Colman u. D. Tennant in BROADCHURCH (c) ITV
Was würden wir uns freuen, behaupten zu können, das ZDF mit unseren Gedanken inspiriert zu haben. So haben wir im letzten Beitrag einige europäische Serien gelobt, die v.a. das Zweite sich doch zur kompetenten Nachahmung gerne mal anschauen könnte. Darunter: der britische Hit BROADCHURCH - die Geschichte eines Mordes in einem kleinen Küstenstädtchen in Dorset, der für Verdächtigungen und Zwietracht sorgt, auch finstere Geheimnisse ans Tageslicht bringt.

Neben der Familie des getöteten Jungen stehen zwei Ermittler im Mittelpunkt: die in ihrer Emotionalität fast naiv wirkende, leicht trampelige und emotionale, aber mit dem rechten Herz am rechten Fleck versehene Ellie Miller (Olivia Coleman), die mit der Opferfamilie befreundet ist, mithin als Einheimische besonders erschüttert ist, auch gefordert von gegenläufigen Loyalitätsforderungen. Der zweite ist der etwas bärbeißige Detective Inspector Alec Hardy (David Tennant). Mit seinem abweisendem, rücksichtslosen, bisweilen gar zynischem Gestus und breiten Schottisch klar der Fremde ist er derjenige, den niemand mag, der zudem Miller den Job weggeschnappt hat, der die Ermittlungen jetzt aber leitet. Freilich schleppt auch Hardy ein Päcklein mit sich herum: Einen ähnlichen Fall hat er nicht lösen können, so dass der Mord am Jungen in dem beschaulichen Städtchen eine Art der Buße, eine zweite Chance ist, die den arroganten Grantler verletztbar macht, sein Engagement zur Besessenheit werden lässt. Hardy ist ein Charakter, der dank Tennants recht junger Erscheinung, der zurückgenommenen Präsenz und einem Spiel, das auch manches Linkische der Figur zugesteht, in seinem Ehrgeiz, seiner Aggressivität sowohl wohltuend ergänzt wie relativiert wird.

Wie gut dieser Darsteller ist, haben auch die US-Amerikaner erkannt, denn Fox produziert eine Remake der ITV-Serie unter dem Titel GRACEPOINT, die dieses Jahr noch starten soll und die eben Tennant für eine Wiederauflage der Rolle des Hardy verpflichtet hat. Emmett Carver heißt er dann, zehn Folgen hat GRACEPOINT statt der acht des Originals und Olivia Colemann wird ersetzt durch Anna Gunn, die Walter Whites Gattin Skyler in BREAKING BAD gab.

Und was macht das ZDF? DAS TOTE MÄDCHEN. Keine Remake von BROADCHURCH, jedenfalls stand davon nichts in der heutigen Verlautbarung der Pressestelle. Die informierte über den Produktionsstart eines Zweitteilers, gedreht an der Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste, in Dänemark und Hamburg mit prominenter Besetzung. Der Inhalt laut ZDF-Pressemitteilung:

Ein beschaulicher Ort an der Ostseeküste: Am Strand wird ein 14-jähriges Mädchen tot aufgefunden. Die ortsansässige Kommissarin Hella Christensen (Barbara Auer) erkennt die Tote sofort – es handelt sich um Jenni, die Tochter ihrer Nachbarsfamilie. Hella ist sichtlich erschüttert, ist sie doch mit den Eltern des Opfers, Silke und Hauke Broder (Anja Kling, Jörg Schüttauf), eng befreundet. Doch ihr neuer Vorgesetzter, Kommissar Simon Kessler (Heino Ferch) aus Kiel, geht nüchtern an die Arbeit und übernimmt die Ermittlungen.
 
Schnell stellt sich die Frage, ob der Täter ein Fremder ist oder ob er sein Opfer kannte. Der ganze Ort scheint verdächtig, Freundschaften unter den Familien werden auf eine harte Probe gestellt und das Zusammenleben auf lange Zeit in seinen Grundfesten erschüttert.

"Das tote Mädchen" wird produziert von Network Movie Hamburg, Produzenten sind Jutta Lieck-Klenke und Dietrich Kluge. Elke Müller ist die verantwortliche Redakteurin im ZDF. Die Dreharbeiten dauern voraussichtlich bis Mitte Juli 2014. Ein Sendetermin steht noch nicht fest.

Was die Idee anbelangt, fallen einige deutliche Ähnlichkeiten mit BROADCHURCH auf. Heißt unser David Tennant Heino Ferch? (Der war doch schon unser Bruce Willis!) Wichtiger aber: Muss (einmal mehr) in einem Mehr-, hier: Zweiteiler erzählt werden, wofür sich klugerweise Briten und Amerikaner ausgiebiger Zeit lassen oder nehmen?

Egal, weil wichtig ist, dass wenn DAS TOTE MÄDCHEN abgeschaut sein sollte, das ZDF immerhin schon mal bei den / das Richtige(n) abschaut.

zyw

Montag, 5. Mai 2014

TV-Serien-Leid in Deutschland (II): Abzuschauen

Den ersten Teil dieses Beitrags finden Sie HIER.


BEING HUMAN - links: UK, rechts.: USA
Das US-Fernsehen mit seiner Verwertungslandschaft – aber, seien wir ehrlich, auch mit seinen überpräsenten langweilig-enervierenden adretten California-Modelklonen beiderlei Geschlechts –  nein, das taugt nicht als Orientierungs- und Vergleichsfolie fürs deutsche Fernsehen, wo es beim TATORT vielleicht manchmal zu sozialpädagogisch zugeht, dafür aber auch Charakterköpfe und -gesichter ohne Jacketkronen wie Jürgen Vogels eine Chance haben und Lebendigkeit, mithin Lebenswirklichkeit bieten. Tatsächlich ist das Problem von ZDF und Co. eben nicht, dass sie zu wenig US-Fernsehen sind und im Portfolio haben, sondern dass sie es zu viel sein wollen. Und es ist ja nicht so, dass wir in (Mittel-) Europa alles (schlecht) nachäffen, was die Amis da drüben so toll können.

Man schaue sich die US-Remakes europäischer Filme und Serien an, zum Beispiel die BBC-Produktion BEING HUMAN. Eine WG, bestehend aus einem Werwolf, einem Vampir und einem Geist: das ist die Idee und glückte auf der Insel nicht zuletzt dank seiner Darsteller (freilich erst nach dem Piloten in der Besetzungskonstellation: Russell Tovey, Aidan Turner und Lenora Crichlow). Die Serie, erdacht von Toby Whithouse, bleibt originell, konkret, britisch, also verortet und nachvollziehbar gerade im Kleinen, Alltäglichen. Das US-Remake ist in der Cast ähnlich von den Typen und deren Physiognomie aufgestellt, atmet aber einerseits den Plastikfantastik-Odem des Stromlinienförmigen, wie das Imitationshafte, das bei aller Handwerksqualität immer einer Schulaufführung deshalb gleicht, weil das (authentischere) stets hindurchscheint.

Also nicht die USA als Vorbild, dann eben: europäische Nachbarn als Ideengeber und Pioniere für eine deutsche TV-Fiction- und -Serienerneuerung? Großbritannien bietet sich ja an, denn hier wie da liegt der Fokus eher auf Mehrteilern, auf Miniserien und Fernsehfilmen, statt auf längeren und langlaufenden Serien. Und das westdeutsche Rundfunksystem ist ja nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an den zentralistischen Franzosen, den privatwirtschaftlichen Amerikanern, sondern: an dem des Vereinigten Königreichs mit seiner BBC ausgerichtet worden.       

Was hätten die Briten also heutzutage zu bieten? Tatsächlich mehr als man denkt und mehr als den wirklich brillianten SHERLOCK, dessen dritte Staffel den Zuschauerrekord auf der Insel knackte und hier zu Pfingsten in der ARD startet. Sowas wie INSPECTOR BARNABY (mit uneingedeutschem „C“!) zeigt das ZDF, vielleicht, hoffentlich auch mal THE FALL, eine fünfteilige Co-Produktion von BBC 2 und dem irischen Staatssender RTÉ One, oder dem ITV-Achtteiler BROADCHURCH

THE FALL
Die erstgenannte Serie erzählt von der Jagd auf einen Frauenmörder im modernen Belfast (jenem realen, in dem die "Troubles" en passant noch nachhallen), der von einer famosen emotionskalten Londoner Ermittlerin (grandios: AKTE-X-Scully Gillian Anderson) gejagt wird, vor allem aber: einem, in dem dieser Mörder (Jamie Dornan) gleichberechtigt auftritt, was den Zuschauer in ein seltenes Emotionswechselbad stürzt, weil man sich schnell ertappt fühlt, wie man sich um den distanzierten Familienvater hinsichtlich seiner Ergreifung sorgt, mitfiebert, dass ja seine Schandtaten nicht aufgedeckt werden, gar (man muss es sagen) dass sie glücken, auf dass seine Frau nicht herausbekommt, was für eine Monster dieser ruhige Eheberater in Wirklichkeit ist. Wobei man sich, auch so ein packender, fast perfider Kniff, stets fragt, wer hier unmenschlicher ist, die unterkühlte Polizistin oder der melancholisch-besessene Mörder. Selten jedenfalls ist uns das Böse so traurig, so intensiv nahe gerückt worden. 

BROADCHURCH
BROADCHUCH von Chris Chibnall wiederum handelt von dem Mord an einem elfjährigen Jungen, der das titelgebende Küstenstädtchen heimsucht und durcheinanderbringt. Wir haben die Ermittler, die viel zu nette, fast naive Polizistin und den – auch hier: - famos vor-den-Kopf-stoßenden, sarkastischen (schottischen!) Hauptermittler (David Tennant in einer gelungenen, wenn oder weil auch milderen Version von Peter Capaldis Malcolm Tucker in THE THICK OF IT), ebenso aber: die Familie (preiswürdig: Jodie Whittaker als Mutter), außerdem: Journalisten, die Kleinstadtgemeinde etc. BORADCHURCH seziert die Folgen eines solchen Todesfalls, übertreibt es zwar etwas mit den Einzelstorys und den Verwicklungen, auch mit der Zeitlupe in der letzten Episode, ist jedoch erzählerisch in seiner Frische, in seinen Ideen bei aller Reduktion auf den Fall, seine Figuren, den touristischen, aber nicht zu touristischen Background des Städtchens in Dorset überaus eindringlich. Gerade die ersten Folgen bestechen nicht zuletzt durch die Kameraästhetik, das Spiel mit der Tiefenschärfe und Bildkadrierung, die ungewöhnliche Akzente setzt und welche mehr sind als bloße und vor allem nicht: verbrauchte Künstelei. Und wie (zunächst: nicht!) der fehlende/tote Junge entdeckt/vermisst wird, wie der Vater in einer Plansequenz durch die Hauptstraße läuft, damit die Topografie (auch der der Figuren) erschließt, wie die Mutter im Stau steht, durch Radiodurchsage und Vorahnung aus dem Auto steigt und, immer schrecklich gewisser, ihrem toten Kind zuläuft – das gestaltet Standardsituation bisweilen so ungewohnt aus, wie das etwa dereinst TWIN PEAKS tat. 

Beide Serien, THE FALL und BROADCHURCH, gehen übrigens in mit jeweils einer zweiten Staffel in die Verlängerung. Wo haben wir Derartiges hierzulande?


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Schauen wir gen Norden, dort, wo auch, wenn nicht sogar noch mehr, Serien herstammen, die gerne als Referenz genannt werden und die von dem produzierenden „System“ her eher als Orientierungspunkte geeignet scheinen für die deutsche TV-Landschaft. 
  
FORBRYDELSEN, hierzulande unter KOMISSARIN LUND bekannt, habe ich mir mit Gewinn angesehen (alle drei „Seasons“), BRON / BROEN (DIE BRÜCKE) – gerade in der zweiten Staffel im „Zweiten“ laufend, außerdem ein bisschen BORGEN, gar REAL HUMANS. Taktgeber, Exportschlager – und bisweilen, man muss es sagen, filmstilistisch oder -ästhetisch nicht besser oder schlechter als das, was uns ARD und ZDF vorsetzen. Und in der Hinsicht war, man muss es ketzerisch mal sagen, war auch der Quality-TV-Überbeispiel THE WIRE visuell kein großer Wurf, sorry. 

Wenn man jetzt freilich in den Abspann dieser Schweden- und Dänen-Serien schaut (oder in sonstige Quellen) fällt auf, dass sehr oft als Ko-Finanzier das Zweite Deutsche Fernsehen auftaucht. DIE BRÜCKE etwa wurde international von ZDF Enterprise vertrieben. Eine Serie, die nicht nur in Zusammenarbeit von Großbritannien und Frankreich als THE TUNNEL neu aufgelegt (schließlich geht es gerade um Landesgrenzüberschreitungen, eine EU-Serie par exellence), sondern, auf FX, gar im Paradigmen-Land USA geremaked wurde (mit der deutschen Diane Krüger in einer der beiden Hauptrollen). Auch FORBRYDELSEN schaffte es in die Neue Welt, unter dem Titel THE KILLING und mit geänderter Storyline.

 FORBRYDELSEN / KOMMISSARIN LUND 
Schaut man sich diese Serien an, ich gebe es zu, dann lieber nicht in der deutschen synchronisierten Fassung, sondern im Original mit Untertiteln. FORBRYDELSEN-Hauptdarstellerin Sofie Gråbøl etwa ist mir, wenn von Katrin Fröhlich eingesprochen, ein Graus. Nicht, weil Frau Fröhlich (Schwester des „Die ???“-„Peter Shaw“ Andreas Fröhlich) in irgendeiner Weise schlechte Arbeit liefern würde, sondern einfach, weil das Monotone der Kommissarin Lund (zumal wenn ihr schon der Serientitel im Deutschen gewidmet ist) nicht nur Gråbøl auszeichnet, sondern die Figur überhaupt, ihre eminente stimmliche stumpf-banale Tristesse – eine, die eine ausgebildete / erfahrene Schauspielerin und Synchronsprecherin (u.a. für Gwyneth Paltrow) in ihrem klaren Duktus und der charakteristischen Klangfarbe, die ihr als Künstlerin zu eigen ist, (so: kunstvoll kunstlos) gar nicht treffen kann. Mehr noch wirkt so ein Übersetzungs-Minus qua Intonationsüberschwang bei der weiblichen Asperger-Syndrom-Hauptfigur in BRON / BROEN, gespielt von Sofie Helin mit adäquater Roboterstimme (die sozialuntauglichen Ermittler-Damen sind offenbar gerade in Mode). 

DIE BRÜCKE bzw. BRON / BROEN
FORBRYDELSEN und BRON / BROEN in der ersten Staffel (FORBRYDELSEN mit 20 Teilen!), aber auch BORGEN: sie sind nun nicht, zumindest nicht durchweg, das Gelbe vom Ei, vor allem, wenn es ums horizontale Erzählen geht. Sie wie auch BROADCHURCH kippen für ein, zwei Folgen ins Redundant-Episodische, BRON / BROEN etwa, wenn in der viert- und drittletzten Folge jemandem als dem (übertrieben kompetenten) Superverbrecher nachgerannt wird, der es dann doch nicht ist und auch ansonsten keine Relevanz für die Gesamterzählung hat. Anders gesagt: selbst diese Serien machen Fehlen, vor allem Fehler all jener Sorten, die man zur Genüge im deutschen Erzählen findet.

Es ist aber beredt und problemsymbolisch, wie sich das ZDF hier in puncto Adaption (im weiteren Sinne) verhält: Synchronisiert werden die Auslandsreißer um 22 Uhr ausstrahlen, an BREAKING BAD sich aber heillos „orientiert“ für ein Prime-Time-Event... (Und was, bei allem Quatsch, zeigt in Sachen glücklichen Adaptionsmöglichkeiten eine kleine privatproduzierte Saarland-BB-Parodie wie DIESE HIER auf YouTube auf? Warum nicht „Heinz-Becker“-Gerd Dudenhöffer als Walter White, mit Zahnersatzsorgen statt Krebsbehandlungsdefizit?) 

Und noch eine andere Version des Umgangs mit quasi-„fremden“ Inhalten, Stoffen und Werken lässt sich ausmachen, denn es wäre ja nicht so, dass das ZDF gar keine Quality-TV (wie die ARD mit SHERLOCK) böte: Die kanadische Thriller-Reihe mit Sci-Fi-Einschlag ORPHAN BLACK (mit der tollen Grammy-nominierten Mehrfachrollen-Hauptdarstellerin Tatiana Naslany) ist auch hierzulande zu sehen, im Öffentlich-Rechtlichen, allerdings eben auf ZDFneo seit dem 2. Mai 2014, wo übrigens auch MAD MEN lief oder demnächst die BBC-Serie RIPPER STREET). Soll heißen: Unsere Gebührengelder gehen nicht nur drauf für SOKO-Folgen, fürs GROSSSTADREVIER, für TATORT und, ja, dann doch: den TATORTREINIGER. In Sache Co-Produktion und Einkauf sind „wir“ gar nicht so schlecht aufgestellt. Aber warum eben BRON / BROEN nicht als ordentlich eigene heimische Variante? Warum importieren, mitbezahlen oder zumindest eingedeutscht ordentlich solche Serien nachmachen, adaptieren – statt BREAKING BAD im Taunus? Schweden und Dänemark – der Unterschied ist doch relativ marginal; was hätten wir mit den vielen Anrainerstaaten für eine zünftige Culture-Clash-Auswahl für eine eigene BRON / BROEN-Serie? DIE BRÜCKE – Deutschland/Österreich, mit jener trockenen Schwarzhumorigkeit, die nicht nur die Nachbarstaats-Erfolgserie BRAUNSCHLAG ausmacht, sondern dessen markante Besetzung in Teilen (Simon Schwarz, Maria Hofstätter, Robert Palfrader) uns Piefkes die Ehre in DAMPFNUDELBLUES erwiesen? 

Oder DIE BRÜCKE zwischen Deutschland und Polen? Als Thriller, der eine Normalität nicht jenseits, aber über Kriegsgeschichte und EU-Wirtschaftsgefälle lässig und selbstgenügsam hinwegerzählend mehr völkerverständigen könnte als alle Gedenk- und Sozialproblemstücke, die förderfinanziert und befindlichkeitsgesättigt keinen mehr aufzuklären oder zum Denken anzuregen vermögen (von unterhalten ganz zu schweigen)? DIE BRÜCKE Deutschland / Frankreich, DIE BRÜCKE Deutschland / Italien... Ach, lieber nicht; nicht, dass am Ende alles zusammen nur als ein internationales Vorabend-Derivat der SOKOs von Wismar bis Kitzbühel herauskäme ... 

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Bei allem Hohn und bei aller Ätze, deutsches Fernsehen braucht nicht konkurrieren mit Serienerzeugnissen für einen internationalen Markt, und dass aus dem Ex-Lehrer Drogenkoch aus Albuquerque ein Falschmünzer im Taunus wird, sagt vielleicht mehr und Beruhigenderes über die hiesigen Sozialverhältnisse aus, als wir uns wünschen können. Aber eben über das eigene Land und die Leute erzählen, das ist die Aufgabe des Fernsehen – das nicht nur eine Institution ist, sondern auch ein Technik- und Kulturmedium, eines, das von jeher nationaler aufgestellt war als ein grenzüberschreitendes Kino. Tolle Spielfilme, auch US-Serien mag ich, wie sie sind, aber zu einer britischen, vor allem aber einer US-Version von HOUSE OF CARDS wünsche ich mir zusätzlich eine deutsche Variante, die mir eben sarkastisch nicht etwas über die Verhältnisse in Washington, D.C. erzählt, sondern jene in Berlin, etwas über Lobbyismus, Manipulieren und Taktieren auf hiesigem Politparkett und in den Hinterzimmern der Macht. Dass wir dafür nicht die richtigen Autoren und Filmemacher haben, das ist Unfug. Es kann ja auch biederer sein (genauer: die Biederkeit selbst aufgreifen und verarbeiten). Auch BROADCHURCH, an der Nordsee, warum nicht? Themen wie die Kollateralschäden einer sensations- wie melodramengeilen Presse, die greifen nicht nur hier, sonder müssen als solche auch länderspezifisch reflektiert werden. Was an all diesen hervorragenden TV-Serien, ob aus den USA, aus UK, dem kleinen Dänemark oder dem größeren Schweden so besticht, ist eben die Universalität, die ich mir angepasst auf hiesige Verhältnisse, Sorgen und Mentalitäten, zugleich mit aller Konsequenz in der Ausgestaltung auch in Richtung Bissigkeit, mir ein Anrecht qua Beitragszahlung ausbedinge. Und, nein, es muss nicht als Event um 20.15 Uhr laufen, wenn dieser Sendeplatz FSK-12-frei zu sein hat und solch eine Abendzeit für die Familie vorgesehen ist. Wenn es gut ist, finden wir dich, Fernsehen, und tatsächlich ist das ein Gedanke, den ich sehr sympathisch finde: die versteckten Juwelen, wenn sie nicht für den Tagesschauanschluss taugen. Was bräuchte es die bizarre Serienmörderserie HANNIBAL zur Primetime? Selbst wenn es das kollektive „Lagerfeuer“ nicht mehr gibt, heißt das nicht, dass man seine Werte und Möglichkeiten gleich komplett aufgibt. 

Sicher, man muss nicht alles können – und allein schon meine Wünsche zeigen, dass es hier nicht einzelne Pole geht, sondern um (letztlich auch individuelle) Gradwanderungen und Nuancen. Exportgroßmeister in Sachen Maschinenbau oder was sonst noch, das ist ja auch schon was. Man muss nicht alles sein oder können oder wollen. Aber (und da gibt es ja weiß der Himmel schlimmere Formen von Nationalstolz) eben doch mal sonntagabends statt INSPECTOR BARNABY oder DIE BRÜCKE eine originelle eigensinnige, individuelle deutsche Serie (mit sechs bis acht Episoden), eine, an der sich das schwedische Fernsehen finanziell beteiligt statt umgekehrt, eine, deren Format sich Showtime, FX, ABC oder sonst wer in den USA zum Remaken einkaufen, eine, die man sich hier oder anderswo (deutsch, mit englischen, dänischen oder schwedischen Untertiteln!) als DVD-Box oder im Stream am liebsten komplett und am Stück besorgen und anschauen möchte, auf dass die anderen mal sagen: Warum haben wir so etwas nicht?! – das, ja, das wäre mal (wieder) was.

Trau dich, liebes Fernsehen, gerne auch ein gutes Abschauen! 

zyw