Posts mit dem Label MOP 2014 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label MOP 2014 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 27. Februar 2016

Max Ophüls Preis: Svenja Böttger neue Leiterin

Zuletzt gab es etwas Unmut was die Nachfolgesuche für Gabriella Bandel als Chefin des Filmfestival Max Ophüls Preis anbelangte. 

Nun überrascht man in Saarbrücken mit einer erfreulich jungen neuen Leiterin: der 27-jährigen Svenja Böttger, die aktuell noch Masterstudentin an der Babelsberger Filmuniversität KONRAD WOLF (vormal HFF) ist und das u.a. "Sehnsüchte"-Festival verantwortete.

Eine bemerkenswerte Entscheidung.

Hier die Pressemeldung des MOP zur Personalie:

**** 

Svenja Böttger (Foto: privat)
Der Aufsichtsrat wählt Svenja Böttger einstimmig zur neuen Leiterin des Filmfestivals Max Ophüls Preis

Svenja Böttger wird neue künstlerische Leiterin des Filmfestivals Max Ophüls Preis (MOP). Die 27-jährige Berlinerin wird das Festival in den kommenden drei Jahren leiten. Das hat der MOP-Aufsichtsrat am Freitagnachmittag, 26. Februar, einstimmig beschlossen. 

Mit Svenja Böttger bekommt das Festival eine Leitung, die trotz ihres jungen Alters bereits Erfahrungen in der Festivalorganisation, im Projektmanagement, Gästemanagement sowie in der der Presse- und Kommunikationsarbeit mitbringt. Die Medienwissenschaftlerin, die zurzeit ihr Masterstudium an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF abschließt, hatte unter anderem 2015 und 2016 die Gesamtleitung des Empfangs der Filmhochschulen während der Berlinale inne und leitete zuvor 2014 mit „Sehsüchte“ das internationale Studentenfilmfestival der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Bei beiden Aufgaben hatte Böttger Personalverantwortung für jeweils 40 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unter anderem in dieser Zeit konnte sich Svenja Böttger gute Kontakte zu den Filmhochschulen im deutschsprachigen Raum aufbauen, aber auch zu Branchenvertretern, Redakteuren, Verbänden oder Filmreferenten. Zu Böttgers weiteren Stationen zählt unter anderem seit September 2015 ihre Tätigkeit bei der Produktionsfirma „ONE TWO Films“ in Berlin. 

„Ich freue mich auf die neue Aufgabe. Es bedeutet für mich eine Ehre, dieses renommierte Festival leiten zu dürfen. Ich werde nun die kommenden Wochen nutzen, um mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sprechen“, erklärte Svenja Böttger. 


Experten in Auswahlkommission: „Sehr gute Bewerberlage und mutige Entscheidung“

Nach den Vorstellungsgesprächen der fünf Bewerberinnen und Bewerber für die Leitung des Filmfestivals Max Ophüls Preis (MOP) am Donnerstag, 25. Februar, zeigten sich die beratenden Fach-Mitglieder in der Auswahlkommission – Gabriele Brunnenmeyer (u. a. zuständig für „Projektbetreuung Talentfilm“ beim Kuratorium junger deutscher Film) und Professor Dr. Dieter Wiedemann (u. a. Präsident der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF von 1995 bis 2012) – von der Qualität der Bewerber beeindruckt und begrüßten die Entscheidung. „Die Bewerberlage für die neue Leitung des Filmfestivals Max Ophüls Preis war sehr gut. Alle Bewerberinnen und Bewerber brachten uneingeschränkt die Qualifikation mit, das Nachwuchsfestival leiten und weiterentwickeln zu können. Mit der Entscheidung für Svenja Böttger zeigt Saarbrücken Mut und bekennt sich klar für eine weitere Profilierung des Max Ophüls Preis als zentralen Ort für den deutschsprachigen Filmnachwuchs“, sagten Gabriele Brunnenmeyer und Professor Dr. Dieter Wiedemann.“ 

Die Auswahlkommission, in der neben Brunnenmeyer und Wiedemann als stimmberechtigte Mitglieder je ein Vertreter der Stadtratsfraktionen SPD, CDU, Grüne und Linke, Oberbürgermeisterin Charlotte Britz, der MOP-Aufsichtsratsvorsitzende Ralf Latz sowie MOP-Geschäftsführer Thomas Brück saßen, sprach sich einstimmig für Svenja Böttger aus. Der MOP-Aufsichtsrat folgte in seiner Sitzung am Freitag, 26. Februar, der Empfehlung. Der MOP-Aufsichtsratsvorsitzende Ralf Latz: „Die Landeshauptstadt ist sehr zufrieden mit der Entscheidung. Der Aufsichtsrat hat sich einstimmig für Frau Böttger ausgesprochen. Sie kann sich für ihre neue Aufgabe einer breiten Unterstützung gewiss sein.“

Mittwoch, 27. Januar 2016

Deutscher Filmkritik und Personalie Max Ophüls Preis

Mit dem just zu Ende gegangenen Max Ophüls Preis verabschiedet sich Gabriella Bandel als Leiterin vom Filmfestival in Saarbrücken - und prompt gibt es Ärger hinsichtlich der Nachfolge. Deren Suche und Besetzung scheint recht intrasparent vonstatten zu gehen (oder gehen zu sollen). Auch, wenn von offizieller Stelle anderes - und vor allem breiter Konsens - suggeriert wird (oder werden soll). Die Causa dffb-Leitung grüßt von ferne ...

Weiter unten entsprechend die aktuelle Pressemeldung des Verbandes der deutschen Filmkritik (VDFK), der von seiner angeblichen Einbindung in die MOP-Neubesetzung wenig Kenntnis hat. Freilich ist die Formulierung der Saarbrücker Oberbürgermeisterin hinreichend vage: "Vetreter aus dem Verband der deutschen Filmkritik" ist ja nicht gleich "Vertreter des Verbands der deutschen Filmkritik". Mit gutem Willen lassen sich damit auch Personen bezeichnen, die lediglich dem VDFK angehören. Gleichwohl wäre auch in dem Fall die Implikation wohl wenig unschuldig und zufällig ...

Anzumerken zu der Pressemeldung aus dem Saabrücker Rathaus (die Sie HIER finden) ist allerdings auch, dass die OB den Aufsichtsratsvorsitzende des Filmfestivals, Ralf Latz, nur zitiert. Der freilich verweist selbst wieder auf die Stadt Saarbrücken.

Das Latz-Zitat in Gänze:

„Die Landeshauptstadt als Gesellschafter des Festivals hat nach Beratung und einstimmiger Empfehlung im Aufsichtsrat beschlossen, die Leitung nicht auszuschreiben, sondern gezielt qualifizierte Kandidaten anzusprechen. Personalvorschläge kamen auch aus der Filmbranche selbst. Zu den Experten, die uns hier beraten haben, zählten unter anderem Eva Hubert, bis Ende 2015 Chefin der Filmförderung Hamburg Schleswig Holstein, der Leiter des Filmfestes Hamburg, Albert Wiederspiel, oder auch Vertreter aus dem Verband der deutschen Filmkritiker. Wir haben inzwischen mehrere interessierte und hochqualifizierte Kandidaten gefunden und gehen davon aus, die hohe Qualität des Festivals sichern zu können.“

Die PM des VDFK dazu:

*********************


Sehr geehrte Damen und Herren,

in einer gestern von der Saarbrücker Oberbürgermeistern Charlotte Britz versandten Pressemitteilung zur Zukunft des "Festival Max-Ophüls-Preis" und Neubesetzung der Festivalleitung ohne vorherige Ausschreibung heißt es unter anderem: "Personalvorschläge kamen auch aus der Filmbranche selbst. Zu den Experten, die uns hier beraten haben, zählten unter anderem ... auch Vertreter aus dem Verband der deutschen Filmkritiker".

Hierzu stellen wir fest: Es hat keinerlei Beratung durch den "Verband der deutschen Filmkritik" (VDFK) stattgefunden, auch hat der VDFK der Stadt Saarbrücken keinerlei Personalvorschläge gemacht; auch einem Expertengremium der Stadt Saarbrücken gehört der VDFK nicht an.
Mit ihren Formulierungen möchte die Oberbürgermeisterin gezielt den Eindruck erwecken, als stünde der Verband der deutschen Filmkritik hinter besagter Mitteilung und hinter dem darin formulierten Versuch den Nachfolger einer verdienten Festivalleiterin ohne seriöse Ausschreibung oder Fachberatung einzusetzen.

Diesen Eindruck weisen wir entschieden zurück!
Im Gegenteil beobachtet der VDFK mit Sorge und Verwunderung, wie ein funktionierendes, über Deutschland hinaus renommiertes Festival durch politische Willkür gefährdet wird. Wir teilen die Sorgen vieler deutschen Filmemacher wie auch vieler Sponsoren um die Zukunft des "Festivals Max Ophüls-Preis".

Der "Verband der deutschen Filmkritik" fordert die Stadt Saarbrücken auf, die organisatorische und ökonomische Unabhängigkeit des "Festival Max-Ophüls-Preis" sicherzustellen, und die Neubesetzung der Festivalleitung in einem transparenten, Kriterien der "corporate governance" verpflichteten, öffentlichen und fachlich kompetenten Verfahren zu gewährleisten.
Mit freundlichem Gruß
Vorstand und Beirat"

(Pressemeldung des Verbands der deutschen Filmkritik e.V. vom 27.1.2016)

Dienstag, 10. November 2015

Leiterin des Max Ophüls Preis verabschiedet sich

Seit 2007 stand Gabriella Bandel - bis 2014 zusammen mit Philipp Bräuer - dem Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbücken vor. Anfang nächsten Jahres, mit dem 37. MOP, ist Schluss, die herzliche Leiterin nimmt ihren Hut.

Hier die Pressemeldung des MOP dazu:


Foto: MOP

Gabriella Bandel: Nach 17 Jahren Abschied vom
Filmfestival Max Ophüls Preis

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,


mit der 37. Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis gibt die künstlerische Leiterin Gabriella Bandel nach mehr als 17 Jahren Tätigkeit für das Festival ihren Abschied. Von 2007 bis 2014 hatte sie gemeinsam mit Philipp Bräuer und zuletzt 2015 und 2016 die alleinige künstlerische Leitung des Festivals inne. Das Filmfestival Max Ophüls Preis hat sich in dieser Zeit außerordentlich erfolgreich in der Film- und Festival-Landschaft etabliert. Seit 2008 sind die Zuschauerzahlen um mehr als 10.000 Besucher gestiegen und die Zahl der akkreditierten Fachbesucher ist auf inzwischen mehr als Tausend gewachsen. Mit vielen Neuerungen und einem deutlich verbesserten Service eroberte Gabriella Bandel mit ihrem Team die Sympathien von Gästen, Fachbesuchern und Publikum. Auch bei der Filmauswahl bewies Gabriella Bandel eine glückliche Hand, Max-Ophüls-Filme waren in der Folge auf Festivals von Berlin bis Cannes vertreten und erhielten weltweit renommierte Preise. Allein 2015 gingen alle drei Studenten-Oscars an Filme, die noch im Januar beim Festival im Wettbewerb liefen.

Gabriella Bandel zu ihrem Abschied: „Das Festival liegt mir seit vielen Jahren am Herzen, die Arbeit mit und für die Filmschaffenden, die jungen ebenso wie die etablierten, macht mir nach wie vor großen Spaß. Ich bin glücklich, dass der Max Ophüls Preis wieder auf so starken Füßen steht und hoffe, dass das Festival seinen Platz in der Branche weiter behaupten kann. Ein guter Zeitpunkt, mich neuen Aufgaben zu widmen.“

„Wir haben uns einvernehmlich dazu entschieden, die erfolgreiche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem kommenden Festival zum Abschluss zu bringen. Der Zeitpunkt der Entscheidung bringt frühzeitig Klarheit. Er ermöglicht uns, für Gabriella Bandel eine Nachfolge zu finden, der es gelingt, ab 2017 die positive Entwicklung des Festivals mit eigener Handschrift fortzuführen“, sagte Max-Ophüls-Preis Geschäftsführer Thomas Brück.

Gabriella Bandel ist in Los Angeles, USA, aufgewachsen und studierte zunächst Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin. 1985 kam Gabriella Bandel nach Saarbrücken. Es folgten ein Studium der Informationswissenschaften und eine redaktionelle Tätigkeit beim Saarländischen Rundfunk im Bereich Hörfunk, Mitarbeit bei verschiedenen Filmproduktionen und die Leitung der städtischen Galerie im Filmhaus.

1997 wechselte Gabriella Bandel zum Filmfestival Max Ophüls Preis, wo sie zunächst englische Programmreihen kuratierte. Ab 2002 betreute sie hauptverantwortlich den Bereich Kurzfilm. Gabriella Bandel lebt in Saarbrücken, sie hat zwei erwachsene Söhne.

Montag, 21. April 2014

Gewinner des 10. achtung berlin - new berlin film award


Zum 10. Geburtstag präsentiert das Festival für Produktionen aus Berlin und Brandenburg 2014 ein bunt gemischtes Programm, das es den Jurys wahrlich nicht einfach machte, insbesondere im Spielfilmwettbewerb. Das heißt nicht, dass viel Schlechtes dabei war, im Gegenteil, aber derlei hervorstechende Beiträge wie im Jahr zuvor Aaron Lehmanns KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL oder SILVIE von Nico Sommer, die viele Auszeichnungen auf sich vereinigen konnte, gab es auch nicht - vielleicht auch: glücklicherweise.

Am besten hatte es entsprechend die "Hauptjury", bestehend aus der Schauspielerin Franziska Petri, dem Regisseur Edward Berger (u.a. JACK) und Produzenten Martin Heisler (u.a. HUSTON). Denn diese konnten gleich drei Preise vergeben.

So ging jener für den besten Film 2014 an MILLIONEN von Fabian Möhrig. Ein Mann, mit seinem Leben, mit Familie und Job eigentlich im Reinen gewinnt die Unsumme von 22 Mio. Euro im Lotto - woraufhin eben dieses Zufriedenheitsleben langsam zerbricht. Wie Möhrig das Unglücksglück seziert, ist tatsächlich eindrucksvoll, einfach, weil er Standardsituationen originell ausgestaltet und auch die sich anbahnenden und entfaltenden Konflikte immer ein Stückweit jenseits des Gängigen, Wohlbekannten ansetzt. Getragen wird diese "universelle Parabel" (so die Jury) von einem glänzenden Hauptdarsteller, Andreas Döhler, der einer der, wenn nicht gar der eindrucksvollste Schauspieler im Wettbewerb war. Lediglich der Schluss, der fällt dann doch etwas ... schade aus, einfach, weil er kein richtiger ist - das "Aussuppen" von Filmen, eine notorische Erkrankung des deutschen Kinos.

Zur besten Produktion wurde DIE GESCHICHTE VOM ASTRONAUTEN (bereits auf dem diesjährigen Max Ophüls Preis zu sehen) gekürt, Regie-Debüt des Schauspielers Godehard Giehse, der hier wie in MILLIONEN auch eine Nebenrolle hat. Eigentlich ein Film, der von der Inhaltsbeschreibung abschreckt oder einmal mehr verkünsteltes Kopfkunstgeburtskino verheißt: Eine Schriftstellerin auf Mallorca, die ihren Stoff entwickelt, Meer, herrliche Finca, Ehereflexionen der Nachbarschaft, eine alte Dame, Weißwein, junger Liebhaber lange, ruhige Einstellungen... Umso aufregender gestaltet sich aber DIE GESCHICHTE VOM ASTRONAUTIN, ein Film, der überraschend sicher, eindringlich, komplex und geheimnisvoll, nicht aber selbstzweckhaft mysteriösierend daherkommt. Nicht immer ist klar, was eigentlich das soll, schließlich auch, was Wirklichkeit ist oder zumindest gefiltert durch die Wahrnehmung, durch die sich im Kopf der Hauptfigur herauskristallisierende, realitätsgreifende fiktionale Story.

Wie die Autorin von Stephanie Petrowitz gespielt wird, ist bravourös und erfrischend: Zunächst distanzierte, knappe Ironie, doch immer mehr verliert die Figur (und mit ihr der Zuschauer) den festen Boden unter den Füßen, fallen die Lebensgeschichten, die sie erfährt, miterlebt, erzählt bekommt, mit ihrer allegorischen vom Astronauten zusammen, spiegeln sich ineinander. Sicher, rätselhaft, künstlich arrangiert, aber im positiven Sinne, mit starken, "einfachen", wohlkomponierten Bildern, und - was man ja sonst leider selten sagen kann - ein Film, der es wert ist, darüber nachzudenken, zu interpretieren, zu analysieren, zu puzzeln oder einfach bloß die innere Logik quasi ästhetisch wunderbar unaufgelöst hinzunehmen, in ihrer Stimmigkeit aufzunehmen und zu genießen.

Den Preis für die beste Regie erhielt Nico Sommer, dessen SILVIE im letzten Jahr als bester Film nicht nur von der Festivalhauptjury, sondern auch vom Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) ausgezeichnet wurde. Bereits beim MOP 2014 gelaufen, fällt FAMILIENFIEBER allein wegen seiner Story gegenüber SILVIE ein bisschen ab: Zwei verliebte Teenager bringen ihre Eltern fürs Wochenende zusammen, doch die Frau des einen hat mit dem Gatten der anderen eine Affäre. So prallen in dem Herrschaftshaus in der Brandenburger Idylle nicht nur zwei Gesellschaftsstufen aufeinander, sondern es kommt auch zum Beziehungsknatsch. Das ist nun keine sehr frische Basisidee mehr, und der "dokumentarische" Videokameraeinsatz zur Selbstreflexion - ein Sommer'sches Stilmittel - wirkt hier auch etwas sperrig. Nichtsdestotrotz hat der Film nicht nur Pepp und Witz, sondern einen besonders Peter Trabner in der/einer Hauptrolle, der als gehörnter Ehemann und in seiner Kunst des Impro-Spiels so famos ist wie selten. Eben darin liegt, einmal mehr der Reiz, schöpft der Film seine Verve: FAMILIENFIEBER ist ein weiterer Beitrag des "German Mumblecore", ein mit wenig Mitteln, dafür mit viel Schwung, Leidenschaft und Spontanität in wenigen Tagen und fast keinem Budget entstandenes Beispiel des gelungenen, talentierten Augenblicksfilmens.

FAMILIENFIEBER "passt" denn umso mehr zu achtung berlin, als nicht nur derartige Filme hier besonders ein Zuhause finden, sondern auch weil der Begriff des German Mumblecore von einer Veranstaltung zu dieser Art Film und Drehens (jenseits üblicher steifer Planungs- Förder- und Finanzierungswege) herrührt (wenn auch wiederum sich der Anstoß zu Label-Bildung, falls ich mich richtig erinnere, dahingehend auf die VdFk-Jurybegründung zur PAPA-GOLD-Prämierung bei achtung berlin zurückführen lässt... - mehr zu "German Mumblecore" in ANSICHTSSACHE).

FAMILIENFIEBER jedenfalls verdient den Regiepreis nicht zuletzt deshalb, weil Sommers Regie hier Spielleitung ist, mithin auch das Ensemble seiner nach einem Grobplan agierenden, im Moment seienden Schauspielerinnen und Schauspieler damit in gewisser Weise und zurecht mitgeehrt wird.


Glückwunsch all diesen Prämierten, ebenso wie den übrigen Gewinnern - die da wären:

new berlin film award in der Kategorie Beste Kamera:
THE VISITOR (Kamera: Paola Calvo; Regie: Katarina Schröter)

new berlin film award in der Kategorie Bester mittellanger Film:
SUNNY, Regie: Barbara Ott

new berlin film award in der Kategorie Bester Kurzfilm:
CIRCUIT, Regie: Robert Gwisdek; Lobende Erwähnungen (Kurzfilm):
THIS IS ABOUT SENSES AND THIS IS ABOUT HAPPINESS (R: Rike Hoppe)
und BLAUER TRAUM (R: Malte Stein)

Der Preis der Ökumenischen Jury:
WIENER ECKE MANTEUFFEL, Regie: Florian Schewe

Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFK):
ANTONS FEST, Regie: John Kolya Reichart; Lobende Erwähnung: MÄNNER ZEIGEN FILME & FRAUEN IHRE BRÜSTE (Regie: Isabell Suba)

The Exberliner Film Award:
A PROMISED ROSE GARDEN, Regie: Lisa Violetta Gass
Lobende Erwähnung: THE SILENE BETWEEN TWO SONGS, Regie: Mónica Lima

Zitty-Leserjury-Preis (in der Kategorie Bester mittellanger Film):
HOLANDA DEL SOL, Regie: Florian Lampersberger, Daniel Abma


zyw

Sonntag, 16. Februar 2014

TATORT Winterhafen

Ursula Scheer kritisiert in der FAZ den TATORT vom heutigen 16. Februar. Lena Odenthal im Zirkusmilieu. Langweilig.

Das mag sein, ich habe den Ludwigshafener TATORT nie sonderlich spannend gefunden, mithin nicht verfolgt. Doch die Aufzählung der NebendarstellerInnen lässt stutzen: Hanno Koffler, Steffi Kühnert, Liv Lisa Fries.

H. Koffler (l.) in FREIER FALL
Koffler war in den letzten Jahren nicht nur in dem, nicht zuletzt dank ihm, sehenswerten TV-Film AUSLANDSEINSATZ (Regie Till Endemann) zu sehen, sondern auch als Hauptdarsteller in Stephan Lacants FREIER FALL (SPON-Kritik HIER), ein Drama um einen Schutzpolizisten, der seine Liebe zu Männern, konkret zu einem von Max Riemelt gespielten Kollegen entdeckt, derweil daheim sich die schwangere Frau (Katharina Schüttler) in der Souterrainwohnung seines Elternhauses einzurichten versucht. Ein Film, der u.a. vom Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) für den Preis des besten Spielfilmdebüts nominiert war. Regisseur des TATOTRS „Zirkuskind“ selbst ist AUSLANDSEINSATZ-Director Till Endemann (KOMETEN; VATER MORGANA); darüber wohl Kofflers Auftritt.        

Steffi Kühnert - DIE FRAU, DIE SICH TRAUT
Steffi Kühnert wiederum war jüngst als FRAU, DIE SICH TRAUT (R: Marc Rensing) als Kanalschwimmerin mit Krebs im Kino zu sehen. Einem breiten Publikum ist sie nicht zuletzt in Andreas Dresens HALT AUF FREIER STRECKE bekannt geworden, der u.a. in Cannes lief.

Und Liv Lisa Fries? Die wurde nicht nur gerade im Januar wohlverdient für Frederik Steiners UND MORGEN MITTAG BIN ICH TOT als beste Nachwuchsdarstellerin auf dem Max Ophüls Preis in Saarbrücken ausgezeichnet, sondern als eine solche schon den Bayerischen Filmpreis 2013.
Liv Lis Fries in UND MORGEN MITTAG...

Einmal mehr ein Fallbeleg, dass (wie in ANSICHTSSACHE schon angemerkt) das deutsche Gebühren-Fernsehen mit seinen Filmen und Filmreihen vielleicht nicht unbedingt großes Kino bietet, aber deren beachtlichen Namen immer wieder und immer wieder gern Lohn und Brot gibt und mithin Leinwand-, pardon: Bildschirmpräsenz, über die wir uns im Kleinen freuen dürfen.

zyw


Samstag, 1. Februar 2014

MOP 2014: DER BLINDE FLECK




(von unserem Partner-Dienst "Terrorismus & Film")

Daniel Harrichs DER BLINDER FLECK – TÄTER, ATTENTÄTER, EINZELTÄTER? ist kein gelungener Film, aber, zumindest und nicht zuletzt, ein durchaus wichtiger. Den Bogen in die Gegenwart schlägt der Film selbst, zu den NSU-Morden und dem Versagen (oder Schlimmeren) der verschiedenen Landes- und Bundessicherheitsbehörden. So blickt der Radio-Journalist Chaussy gegen Ende des Films auf die Gesichter der drei Rechtsradikalen auf dem Fernsehschirm seines Bayerischen Rundfunk, als Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe als Terrorbande entlarvt sind – eine Art „Hab ich’s doch gesagt“-Moment, Bestätigung und Grausen zugleich für die Hauptfigur, den findigen, unbeirrbaren Reporter. Doch was genau der Film hier sagen will, bleibt merkwürdig unzwingend. 

Während gerade über Beate Zschäpes Schuld in München verhandelt ist, ist dort auf dem Oktoberfest vor vierunddreißig Jahren eine Bombe explodiert. Dreizehn Menschen starben, über zweihundert wurden teils schwer verletzt – praktisch der schlimmste Anschlag in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands. Wie kann es sein, dass dieses Ereignis so in Vergessenheit geraten ist? Dass, wenn von hiesigem Terrorismus die Rede ist, man fast ausschließlich an die linke RAF und Co. denkt oder an gegenwärtige militante Islamisten?

Auch Ulrich Harrich hat sich gewundert. Der junge Filmemacher, der hier seinen zweiten Langfilm vorlegt, zuvor schon für das Fernsehen gearbeitet hat, tat sich zusammen mit Chaussy, der seinerzeit und darüber hinaus Widersprüche und Ungereimtheiten entdeckten, nicht an die immer noch offizielle Version glauben mochte, jene, die von einem Einzeltäter ausgeht: Gundolf Köhler, der selbst seiner Bombe zum Opfer fiel und der Verbindungen zur rechtsradikalen, verbotenen „Wehrsportgruppe Hoffman“ hatte. Und vielleicht liegt darin ja das Geheimnis um die relative kollektive Vergessenheit der Terrortat. Die verdauliche Geschichte vom einzelnen Extremisten, eine Art Wahnsinniger – das ist schlimm und unheimlich, zugleich aber politisch halbwegs unproblematisch. Solche Spinner gab es immer, wird’s immer geben; ist halt nichts zu machen. So könnte man meinen und denken und wegerklären und tatsächlich: Wird es nicht wirklich „ernst“, gedanklich und emotional aufschreiens- und einschreitenswert, wenn aus der individuellen Verwirrtheit Ideologie wird, aus dem Spinner eine Bewegung (damit der Spinner zu einem, der sein Weltsicht kommunizieren, gar teilen kann, der Teil einer Gemeinschaft Gefährlicher)?

Ist „der deutsche Staat“ oder zumindest die Organe, die ihn schützen sollen, immer noch oder schon wieder „auf dem rechte Auge blind“? Der Film impliziert das ein wenig, wenn zu Beginn Chaussy mit seiner WG als „Linke“ von der Polizei behelligt, Neo-Faschisten hingegen als Männer, die halt mal im Wald Krieg spielen, verharmlost werden. Recht schematisch lässt der DER BLINDE FELCK auftreten, führt an und vor: das bayerische Urgestein und Schreckgespenst (und damaligen Kanzlerkandidaten) Franz Josef Strauß (nur von hinten gezeigt), die CSU-Regierungsnachsichtigkeit gegenüber der quasi viel zu spät verbotenen Wehrsportgruppe und eine kooperierende Boulevardpresse, die unter der Hand vorab mit Informationen gefüttert wird ... Als „Gegenspiel“ Chaussys tritt der von Heiner Lauterbach gespielte Dr. Hans Langemann, Staatsschutz-Chef des Freistaats auf, der aus diversen Gründen „seine“ Version zum Anschlag aufrechterhalten will. 

Zum einen aber taugt die attraktive Verbindung zwischen Oktoberfestattentat hier und der NSU dort nur bedingt, schaut man sich Art und Ausmaß der staatlichen Verfehlungen und Pannen an. Wie den „Döner-Morden“ begegnet wurde, ist, nicht zuletzt angesichts von Kompetenzrangeleien zwischen den einzelnen Diensten gelinde gesagt eine Schande, und auch was Anfang der 1980er in Bayern (und vielleicht auch Karlsruhe) ermittlungstechnisch, aufklärungsmäßig, politkalkulatorisch und sonstwie geschah, war auch alles andere als in Ordnung. Doch – immerhin – war schnell klar und öffentlich, wer der (vermutliche) Täter, war, ebenso sein Rechtsradikalismus und seine Verbindungen ins Neonazi-Milieu. Damit zusammengeht – zum anderen – eine ganz merkwürdige Unverhältnismäßig von der DER BLINDE FLECK. Es mag zynisch klingen, ist aber keineswegs so gemeint: Die Affäre, das Vertuschen, skandalöse Wegschauen und Nicht-Wissen-Wollen, wie sie der Film ausbreitet, darlegt, scheinen seiner Enthüllungs- und Empörungshaltung nicht angemessen, vor allem die Spannungshuberei als knackiger Mainstream-Politthriller (bei aller auch historischer, politischer und moralischer Bedeutung des enormen Engagements und Resultaten Chaussys auf der Suche nach der Wahrheit). Am Schluss (eine finale Texttafel verrät es) ist Schurke Langemann diskreditiert und verurteilt (wenn auch nicht wegen seiner Rolle in Sachen Anschlag), der „Held“ Chaussy wird, siehe NSU, irgendwie, traurig bestätigt. Wichtige Beweismittel – so erzählte es auch der reale BR-Journalist nach der Vorführung in Saarbrücken – wurden in den 1990ern in Karlsruhe vernichtet, eine Hand, die zu keinem der übrigen Opfer gehörte. Freilich: Warum nicht, wenn der Fall abgeschlossen war? Es drängt Chaussy nicht zur Verschwörungstheorie, aber der Film selbst bewegt sich sehr, vielleicht zu wohlig im Gestus des entsprechenden Genres. Gerade so, dass Schlampereien (oder die kühlen Verfahrensregularien) automatisch in den Ruch der Vertuschung geraten, jede andere Perspektive als die des Film-Chaussys (bei aller legitimer, gar gebotener weil kritischer Tendenz) bestenfalls als amoralische Ignoranz erscheint. 

Da hilft es eben nicht, dass man auch die Gegenseite (eben Langemann) als zweite Hauptfigur etabliert, die, ein Pluspunkt, durchaus hätte eindimensionaler angelegt und gespielt sein können. Nichtsdestotrotz ist dieser Langemann einer, der klar falsch handelt, vielleicht aus Überzeugung, aber in klarem Bewusstsein. Und es stimmt schlicht nicht, was Eckhard Fuhr in der WELT schrieb: „Der Film gewinnt ungemein dadurch, dass er der Versuchung widersteht, die Geschichte Ulrich Chaussys als Reporter-Heldenepos zu erzählen.“ Denn das genau tut DER BLINDE FLECK eben in gewisser Weise (selbst wenn dieser Held am Ende nicht triumphiert), vielleicht aus zu großer Nähe zu Buchautoren Chaussy heraus, dem, nochmals, für seine Arbeit großen Respekt gebührt und der auch in Saarbrücken als ein überlegter, sachlicher Mensch auftrat.

Der Kino-Chaussy, den Benno Führmann mit standardisierten Gesichtsausdrücken (engagiert, nachdenklich-stirnrunzelnd) präsentiert, ist mehr noch ein Heldentypus, den man nicht zuletzt in Hollywood unzählige Male gesehen hat. In Oliver Stones JFK etwa, aber auch im weniger politischen ZODIAC von David Fincher, in dem Jake Gyllenhaal den titelgebenden und historischen Serienkiller zu identifizieren trachtet. Wohl bekannt ist diese heroische Figur: Ein Passionierter, Getriebener, der es wissen will, nein, muss, der sich in die Akten frisst, nicht locker lässt, alles seiner Mission unterordnet. Entsprechend verleitet DER BLINDE FLECK zum Unterhaltungspolitthriller-Versatzstückabhaken: nächtliches Treffen mit dem geheimen Informanten – check. Verfolgung von Finstermännern – check. Die Gattin, ihn anfangs noch unterstützt, stellt Chaussy vor die „Ich oder der Fall!“-Wahl – check. Und verlässt ihn – check (Nicolette Krebitz allerdings verleiht hier dem Klischee Dimension).          

Handwerklich ist DER BLINDE FLECK solides Kino, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Dabei ist Harrich, zugleich, hoch anzurechnen, dass er den Anschlag als solchen, dass er die Explosion nicht zeigt, sich nicht daran weidet. Die Besetzung des mit Langemann verbandelten Journalisten und des Bundesanwalt mit den Münchner TATORT-Kommissardarstellern Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec wiederum tut dem Film nicht gut, zu ironisch-pointenhaft wirken sie. Großartig hingegen und wie stets ein Genuss ist Jörg Hartmann, der den Opferanwalt gibt (und sonst den wunderbar gestörten, zugleich unverbrauchte und unbayerische Hauptkommissar Peter Faber im Dortmunder TATORT).

Letztendlich jedoch funktioniert DER BLINDE FLECK als Film nicht, weil er in seiner „Skandalisierung“ zu groß daherkommt und zugleich nicht groß genug ist. Insbesondere in seiner typisierten oder generischen Form. Und wie aufmerksamkeits- und kritikwürdig sein Thema und die Realität dahinter auch unzweifelhaft sein mögen, sind wir doch längst und aktueller nachgerade schlimmer dimensionierte, gravierendere weil unaufbereitete und zugleich weithin bekannte, unversteckte Staatssauereien jenseits der CSU-Lande „gewöhnt“, mithin erregungstechnisch verwöhnt und womöglich abgestumpft: das globale Spitzelsystem von NSA u. Co., Menschenrechtsverletzungen im Namen des globalen Anti-Terror-Kriegs, Einmärsche in Länder aufgrund erfundener Massenvernichtungswaffen und, hierzulande, dann gerade die hinsichtlich der Grausamkeiten des NSU und dem fatalen Umgang damit. Bei aller Tragik, bei allem Recht auch auf diese Wahrheit und deren Bedeutung: Was – zynisch gefragt – schert es da noch, ob seinerzeit Gundolf Köhler alleine handelte oder nicht?

Nochmals: Natürlich schert es. DER BLINDE FLECK aber hat als Film – dramaturgisch, ästhetisch – wenig Anteil an dessen Verdeutlichung. Da hilft es auch nicht, dass DER BLINDE FLECK ein „Nachwuchsfilm“ ist bzw. als solcher nun auf dem Max Ophüls Preis 2014 im Wettbewerb lief. Denn ein Jahr zuvor hat in Saarbrücken Stefan Schaller mit FÜNF JAHRE LEBEN gezeigt, wie so etwas eben anders geht, auch als/im Nachwuchsfilm. Die kinoreife Behandlung der „Affäre“ Murat Kurnaz, jenem Deutschtürken, der in Guantanamo gefangen gehalten und gefoltert wurde, der letzten Endes einfach Terroristen sein sollte, dieser Film hat das Rad in Sachen filmischem Erzählen zwar ebenfalls nicht neu erfunden. Er belegt aber, wie gerade mit den klassischen Mitteln, über Figuren und ihre Konstellationen und Konflikte, die Dramaturgie, die emotionale Ansprache und die formalen Verfahren (Doku-Fiktion-) Kino ein Mehr bieten kann gegenüber Enthüllungsreportagen und Sachbüchern. FÜNF JAHRE LEBEN liefert einen ganz eigenen Beitrag, der auf einer anderen Ebene aufrüttelt, im besten Sinne empört und veranschaulicht, der mitfühlen lässt – legitime, wichtige Leistungen und Funktionen, weil Problemblicke unter die Oberfläche des Politischen.

So besehen ist DER BLINDE FLECK kein guter Film – und doch ein „guter“ (oder wichtiger). Denn der Film ist zwar nicht sonderlich geeignet, einer der nicht mehr als interessierend, vielleicht auch anrührend Informationen transportiert, die zum Skandal und seine Verfehlungen ein eigenes zusätzliches menschliches Drama benötigen (das des Helden Chaussy, das so ja nur mittelbar das der Wiesn-Bombe und der nachfolgenden „Affäre“ ist). Aber der Film hat – als Politikum – etwas bewirkt: Nachdem DER BLINDE FLECK nicht nur auf dem Münchner Filmfest lief, sondern auch im Bayerischen Landtag gezeigt wurde, wurden Akten endlich ungeschwärzt freigegeben. Dem Ruf nach Wiederaufnahme der Untersuchungen verleiht er enormen Nachdruck. Das ist an und für sich schon ein eigener Wert, der Filmkunstkritik relativiert.

Inwiefern (ein gewisses Maß an) Konventionalität für einen solchen Erfolg Voraussetzung ist, sei es, weil Beamte und Politiker selbst „affiziert“ werden, sei es, weil sie eine entsprechende Wirkung beim Volk annehmen (Stichwort Agenda-Setting und Third-Person-Effekt) und darauf „proaktiv“ reagieren, ist überlegenswert, jedoch auch ein eigenes Thema für sich.



DER BLINDE FLECK – TÄTER, ATTENTÄTER, EINZELTÄTER? läuft seit dem 23. Januar im Kino. Die aktualisierte Neuauflage von Ulrich Chaussys Buch, Oktoberfest – Das Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann, ist dazu begleitend gerade im Verlag Ch. Links für 19,80 Euro erschienen.


zyw  


Dienstag, 28. Januar 2014

MOP 2014: BLUTGLETSCHER


Der Berg flucht

Zugegeben, der Titel dieses Beitrags ist ein arger Kalauer. Aber eine der Taglines zu Marvin Krens BLUTGLETSCHER (neben „Die Gletscher schmelzen – die Mutanten kommen“) lautet ja auch: „Am Berg hört dich niemand schreien“. Das ist auch etwas wüst, jedoch natürlich Reminiszenz an Ridley Scotts Sci-Fi-Horror-Meilenstein ALIEN von 1979, dereinst beworben mit „Im Weltraum hört dich niemand schreien“.

Und darum geht es Kren, der mit BLUTGLETSCHER nicht nur dem „Unheimlichen Wesen aus einer fremden Welt“ Tribut zollt, sondern auch anderen Creature-Feature-, Öko-Tierhorror- und sonstige Monster-Klassikern vor allem der 1970er und -80er wie John Carpenters THE THING, John Frankenheimers PROPHECY oder, wie Kren in Saarbrücken verriet, Ron Underwoods dann etwas späterer, aber nicht minder gelungener B-Film TREMORS (deutscher Titel-Zusatz: IM LAND DER RAKETENWÜRMER). Wobei diese Filme selbst wiederum als Neuauflagen u.a. des Atomic-Horror- und Sci-Fi-Subgenres der 1950er (etwa: Gordon Douglas‘ THEM! von 1954) zu betrachten sind, und Carpenters THE THING ist ja auch Remake des DINGS AUS EINER ANDEREN WELT von 1951 (Regie: Christian Nyby u. Howard Hawks). Eines, dass wiederum 2011 nicht ganz überzeugend von Matthijs van Heijningen Jr. neu verfilmt wurde.

Kren also stellt sich mit seinem Film in eine große Traditionlinie, ist dabei auch eingedenk der Remake-Welle von 70er- und 80er-Genreerfolgen in Hollywood aktuell. Allerdings besteht er, so wie so besehen, ganz Fabelhaft vor den Vorbildern und den Wiederauflagen, einfach weil er etwas vielleicht nicht unbedingt Neues, in jedem Fall aber etwas Eigenes schafft und dabei einmal mehr nicht nur Händchen, sondern auch Köpfchen beweist.

Schon mit dem (im besten Sinne) M. Night Shyamalan’esken SCHAUTAG hat der 1980 in Wien geborene Regisseur zusammen mit seinem Drehbuchautor Benjamin Hessler 2009 eine verwickelte, eindringliche und clevere, dazu stilistisch gelungene „Gruselgeschichte“ vorgelegt, die prompt als bester Kurzfilm auf dem ansonsten nicht als übermäßig genre-affin verschrienen Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde. Der nächste Kren/Hessler-Knaller, der international für Aufsehen (und Vertrieb) sorgte, war 2010 der mittellange Zombie-Horror RAMMBOCK. Darin reist ein Unglücksrabe (Michael Fuith selbst Nachwuchsdarstellerpreisträger des MOP und bei BLUTGLETSCHER in einer Nebenrolle zu sehen) nach Berlin, um dort seiner Exfreundin den Wohnungsschlüssel zu bringen – und unversehens in die Untotenapokalypse zu geraten. Nicht nur handwerklich, von der Inszenierung bis zu Maske und den Effekten, ist dieser 60-Minüter erstklassig, sondern darüber hinaus witzig und originell: Die Handlung beschränkt sich auf (und nutzt erzählerisch mustergültig) ein Hinterhofmietshaus und dessen Örtlich- bzw. engen Räumlichkeiten. NIGHT OF THE LIVING DEAD meets REAR WINDOW quasi. 

Dass Hollywood bei Kren daraufhin anklopfte, war nur folgerichtig. Ebenso, dass nun ein Langspielfilm gefolgt ist, der beim MOP in Saarbrücken im Wettbewerb lief, dort zwar nichts gewann, dafür aber die Herzen der Fans der guten (und manchmal gern auch nicht so guten) Horrorstreifen aus einer goldenen New-Hollywood-Ära und des postklassischen Kinos.

Entsprechend ist die Story von BLUTGLETSCHER (erneut nach dem Buch von Hessler) ebenso schnell erzählt wie sie für die Einschätzung des Films Güte in Gänze an sich relativ nachrangig bleibt: Die Messstation einer Klimaforschungsstation in den Alpen fällt aus, und so macht sich die Hauptfigur, der grummelige Schrat Janek (Gerhard Liebmann) zusammen mit einem der Wissenschaftler auf, um erstaunt den zu beobachtenden schmelzenden Gletscher in ekligem Rot vorzufinden. Die Verfärbung rührt freilich nicht von Blut her, sondern von durchs schwindende Eis freigesetzten Mirkoorganismen, kleinen „Genlaboren“, die im Magen der Wirtstiere die DNS der von diesen gefressenen Lebewesen zu bizarren Mischwesen (stets mit gehörigem Insektenanteil) kombinieren, auf dass diese sich ihren Weg bahnen. Was natürlich die Forscher fasziniert, für diese aber ebenso zur Gefahr wird. Ebenso wie für den Besuchstrupp um die resolute Ministerin (großartig: Marvins Mama, die Theaterdarstellerin Brigitte Kren), der sich von unten im Tal anschickt, der Station einen Besuch abzustatten. Mit dabei: Janeks Ex Tanja (Edita Malovcic), die ihm dereinst das Herz brach.    

Den Fluch der Bergwelt an seinen Umweltpeinigern, dem Menschen, muss man als Öko-Botschaften nicht gar zu ernst nehmen (auch wenn hier und da tatsächlich nachdenkend machende Momente gibt, so wenn der gemütlich-bärtige Bergführer aufs kahle Felsenmeer verweist und sich traurig erinnert, wie er hier noch als Kind gerodelt ist). BLUTGLETSCHER ergeht sich, gottlob, nicht in AN INCONVENIENT TRUTH, bietet dafür eine nachgerade perfekte Spannungsdramaturgie. Ohne Langatmigkeit, insbesondere in Sachen Exposition, eskaliert die Situation zünftig und verliert sich doch nicht in blindwütigem Terror-Aktionismus, weiß sehr elegant auch das Zwischenmenschliche einzuflechten – und das sogar in einen gelungenen Schluss zu überführen bzw. mit dem Horrorstoff zu verbinden. Ein Schluss, der an den von RAMMBOCK erinnert, einem – je nach Auffassung – schwarzhumorigen oder tragisch-beklemmenden „Happy-End“, das den Film unversehens über den bloßen Monster-Fun hinaushebt, dorthin, wo etwa thematisch Larry Cohen mit seiner IT’S ALIVE-Trilogie (1974, 1978, 1987) uremotional grimmig anrührte.  

Bei aller effizienter Kameraführung, der Montage, dem einfallsreichen Soundtrack (-einsatz) und der Choreografie der Darsteller insbesondere in der Enge der Station, da diese als Box von außen attackiert wird, sind in BLUTGLETSCHER auf der einen Seite die Schauspielerleistung und -präsenz von Gerhard Liebmann (von seinem geliebten Hund hier mal zu Schweigen), auf der andere das Mischungsverhältnis von Ernst und Humor hervorzuheben. Liebmann in Parka und Strickmütze gibt zwar einen Genre-Prototypen, stellt in seiner waidwunden Muffigkeit einen Kurt Russel jedoch leicht in den Schatten. Naturgemäß bleibt in solch einer Story, die auf äußere Aktion und Reaktion in einer Extremsituation hin angelegt ist, wenig Raum und Muße, die Figuren sich hin zu handfesten Charakteren entwickeln zu lassen. Kleine Skizzierungen müssen genügen und tun es hier auch, zumindest und vor allem bei Liebmann (und auch: bei Brigitte Kren): Blicke, Gesten, vor allem aber eine enorme Körperlichkeit, jeweils auch vom Kamerablick mitgeformt. In und über sie ist Liebmanns Janeck nicht aus Versatzstücken der Lässigkeit, der Misanthropie etc. grob zusammengesetzt wie aus einem Baukasten, sondern ergibt eine glaubwürdige, „organische“ Gestalt, von der verlotterten Trunksucht bis hin zum Verantwortungsbewusstsein. Auch B. Krens kalkuliert-freundliche bis herrisch wirsche Ministerin ist nicht nur ambivalent in ihrer Führungsrolle, die sie, als es hart auf hart kommt, beansprucht, dabei für den Zuschauer nicht eindeutig sympathisch oder unsympathisch gerät: Sie lässt diverse Facetten durchschimmern, sodass man sich sowohl ihre wie Liebmanns Figur durchaus – keine Selbstverständlichkeit, eher noch eine Ausnahme im reinrassigen Horrorfilm – in anders gelagerten Erzählungen (vom Familien- bis Politdrama) denken könnte und gerne anschauen würde. Nicht umsonst wurde Liebmann für die Rolle in der BLUTGLETSCHER mit dem Österreichischen Filmpreis 2014 ausgezeichnet, ebenso wie Krens Film dazu für den besten Ton und die beste Maske.

Was den Humor anbelangt: Da rennt jäh ein hübsches Mädel (Coco Huemer) von einer bestachelten Flugbestie verfolgt durchs Geröll. Wer sie ist (also die junge Frau!), woher sie kommt, was sie da will, dass ist sozusagen Kren und seinem Film aufreizend und augenzwinkernd egal; erklärt wird’s nicht – so ein sexy Girl in Shorts gehört halt dazu. Und ein Highlight überhaupt ist, wie Mama Kren wutschreiend einem mutierten Steinbock per Gesteinsbohrer zu Leibe rückt, auf dass das Blut nur so spritzt. Damit ist es allerdings schon genug, denn BLUTGLETSCHER ist zu keiner Zeit eine simple Parodie oder gag-versessene Aneinanderreihung von Genre-Zitaten und -dekonstruktionen, noch erschöpft er sich im bloßen Nachäffen der US-Vorbilder, wie das leider allzu oft bei europäischen und insbesondere deutschen Werken der Fall, Projekte, für die am liebsten gleich US-(B-)Gesichter gecastet und auf Englisch gedreht wird. Wie RAMMBOCK mit seinem Hinterhofhaus funktioniert BLUTGLETSCHER für Fans und Nicht-Fans auf aller Welt und hätte doch nicht (so) einfach irgendwo anders (selbst nicht in Amerika) entstehen können. Soll heißen, es ist nicht nur eine eigene Handschrift, die Krens Film auszeichnet, sondern auch eine Regionalspezifik, die BLUTGLETSCHER als Horror-Beitrag interessant macht. In diesem Sinne ist Hilde Beselers Erklär-Bär-Wissenschaftsvortrag über das, was da wie so mutantenmonstermäßig vor sich geht (eine Dialogpassage, die leider im Trailer den Eindruck vom Film ein bißerl zu versauen vermag), arg theatral-gestelzt und mithin der most cringeworthiest moment von BLUTGLETSCHER, dabei aber eben auch als lustvoll überzogenen genre-obligatorischer Standard zu genießen und darüber hinaus: So deppert, sicherlich auch weil schlicht: hochdeutsch. Es ist das Österreichische, das den Film adelt, von der Sprache bis zum Gemüt und der lakonischen Konsequenz, die das Alpenrepublikskino gegenüber dem hiesigen so voraus hat. Wenn es also etwas an BLUTGLETSCHER zu beweinen gibt, dann dass er nicht taugt als leuchtendes Beispiel eine gelungenen individualistischen deutschen Genrekinos der blutigen Art. Bei RAMMBOCK hatte immerhin noch die Sigrid Hoerners Moneypenny Filmproduktion in Berlin und das Das kleine Fernsehspiel (Redakteurin: Katharina Dufner) die Finger im Spiel (außerdem ist Hessler Deutscher, so!). 

Viel gekostet hat BLUTGLETSCHER nicht, gerade mal 2 Millionen Euro plus, lächerlich oder erstaunlich wenig, betrachtet man, was Kren damit auf die Beine gestellt hat. Zur Erinnerung: jeder Wald- und Wiesen-TV-Film hierzulande bringt es – ohne Alpenstation, Killerviehzeug und Metzeleffekten – auf rund 1,4 Mio. Möglicherweise wäre BLUTGLETSCHER, hätte man Kren das Zehnfache, das die Umsetzung des Ursprungsbuchs gekostet hätte, zur Verfügung gestellt, gar nicht so wunderbar geworden wäre. Sicher ist aber, dass man etwas Ordentliches für sein Geld bekommt, ob Filmfinanzierung oder Kinokarte. Auch das dürfte Kren so interessant für Hollywood und Co. machen.

Ob Tugend aus der Not, ob bewusste Entscheidung, was BLUTGLETSCHER nicht zuletzt und gerade als Schauerfilm außerdem positiv auffällt, ist, dass bei allem Monster- und Körperhorror Kren dezent in dem bleibt, was er zeigt. Es geht blutig und eklig zu, aber diese Schauwerte werden nicht ausgereizt, geschweige denn überzogen – in ein oder zwei Momenten wünscht man sich bei aller Mageninstabilität gar eine paar Sekunden längere (oder deutlichere) Betrachtung der Scheußlichkeiten. Aber es geht BLUTGLETSCHER eben nicht um derart unmittelbare, visuelle Viszeralitäten. Auf den Slasher-Film übertragen ist BLUTGLETSCHER eher HALLOWEEN als FRIDAY THE 13TH, sind Verwundung und Mutation im Zweifel eher Mittel zum (statt Selbst-) Zweck, schockhafte Auflösung der Spannung, Buh!-Überraschung oder ambivalentes Mitleid angesichts von Deformationen. Alles in (richtigen, ggf. Unter- als Über-) Maßen, denn was Kren versteht und herzustellen weiß, ist, was letztendlich die wahren Meisterwerke von beliebiger Schmuddelduzendware abhebt: dichte Atmosphäre.    

Dazu gehört auch, dass die Kreaturen weitgehend nicht aus dem Computer stammen, sondern in guter alter Manier richtig gebaut sind, physisch anwesend vor der Kamera statt nachträgliche Pixelmonster, mithin nicht von ihnen zu viel preisgegeben wird, auf dass man sich daran nicht übersatt sehen könnte. Das unterstützt die saftige Taktile des Films –  wunderbar realistisch mutet die übergroße Kellerassel an –, hat aber auch in klitzekleinen, je passenden Momenten den Charme mal Ray Harryhausen’scher Monsteranimation, mal der Augsburger Puppenkiste, was Kren und Monteur Daniel Prochaska per Schnitt in sichtbarer Hingabe gut im Griff haben, um die Ungeheuer und ihre Erscheinung ebenso wie alles andere der Geschichte, der Szenendramaturgie und ihrer Gesamtwirkung unterzuordnen, statt einfach nur auszustellen.

Kurzum: BLUTGLETSCHER ist ein großes, wiewohl ein ernstes Vergnügen, mehr als nur solide, stimmungsvoll und ohne Kokolores. Ein Film, den dankenswerterweise die noch junge Filmverleihgenossenschaft Drop-Out-Cinema als solchen erkannt hat und hierzulande ab 6. Februar in die Kinos bringt. Anschauen!

Die Webseite zu BLUTGLETSCHER mit Trailer, Regiestatements etc. finden Sie HIER.

Bernd Zywietz
         
     

Sonntag, 26. Januar 2014

MOP 2014: Überraschend


Zum Filmfest Max Ophüls Preis 2014 (I)

Eigentlich fast schade: Erst die Schelte verleiht dem Lob seinen Wert. Und wer insbesondere als Kritiker und/oder Festivalberichterstatter immerzu nur positiv gestimmt daherkommt, läuft Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Sei es, weil er in den Ruch gerät, euphorischer Selbstblendung zu unterliegen, sei es, weil er als bewusster Claqueur verdächtigt wird. Beim 35. Filmfestival Max Ophüls Preis (MOP; 20.-26. Jan.) waren nun mal aber unter den Wettbewerbslangfilmen verblüffend viele gute Beiträge. Und selbst die, die nicht so geglückt waren (etwa DER BLINDE FLECKT, Daniel Harrichs Politthriller über das Oktoberfestattentat 1980 und die fragwürdigen Ermittlungshintergründe; mehr dazu demnächst hier) sind doch (zu was) gut.

Von den sechszehn Beiträge überzeugte also schon eine deutliche Überzahl; mehr als in einem der Vorjahre. Die neue Qualitätswelle des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Kinos setzt sich damit 2014 fort. Woran das liegt oder besser: wie genau sich das ausdrückt, versinnbildlichte das diesjährige Festivalplakat: Kein Küken, sondern ein ausgewachsener Greifvogel schlüpft da, die Klauen schon ausgestreckt, aus einem Ei mit MOP-Logo.

Das ist nun vielleicht insofern passend, als mancher der Filmemacherinnen und Filmemacher schon mit großen und kleinen Projekten in Saarbrücken war, sich dort entwickeln konnten. Mehr aber gilt: Die präsentierten Werke – MOP hin oder her – zeichnen sich durch eine bemerkenswerte kreative und handwerkliche Reife aus. Selbst wenn Thema und Ansatz (auf den ersten Blick) wenig Innovatives verheißen: diese wurden originell aufgegriffen, erzählerisch gekonnt verpackt und/oder ästhetisch umgesetzt. Von den vielen SchauspielerInnen-Entdeckungen ganz zu schweigen...

So kann man 2014 (wie sonst) natürlich streiten, ob dieser oder jener Film einem gefallen hat. Dass die meisten der Nachwuchsregisseure mit ihren Teams aber wissen was sie wollen und sich souverän darin zeigen, es auch (hin-) zu bekommen, dass dieses zusammen besehen erfreulich bunte Angebot so frisch und relativ unverbraucht ausfällt, das untergräbt gehörig das Bild von den selbstzentrierten, verkünstelt-irrlichternder Kinofeingeistern und unreifen Praxis-Dilettanten mit unfertigen Ideen, die die Filmhochschulen angeblich alljährlich auf den Markt spucken, auf dass sie deutsche Kinos verstopfen. Es mag auch als ein Zeichen für eine frische Brise nicht zuletzt in den Fernsehredaktionen sein, die ja viele der Projekte mitbetreuen bzw. (co-)finanzieren. Möglich allerdings auch, so die gegenläufige Lesart, dass ein neuer, rauer Wind bläst, dass es doch mit dem deutschen Nachwuchs en gros überhandnimmt, so dass gerade die Festivals ihre strikten Erstaufführungsregeln lockern (vor allen in Konkurrenz zu München und Berlin) und gerne auch (bzw. notgedrungen) jene Filme präsentieren, die es in sich haben, was sie woanders schon beweisen konnten. Schon das letzte FILMZ – Festival des deutschen Kinos (November 2013 in Mainz) und nun eben Saarbrücken präsentierte mit einigen ihrer Wettbewerbsbeiträgen keine Premieren. Beim MOP darunter der Hauptpreisträger LOVE STEAKS von Jakob Lass, der zuvor in München bereits alle Nachwuchsauszeichnungen erhielt.

Man kann es aber interpretieren, wie man will (sogar als Beleg für die Mut-, Saft- und Visionslosigkeit der allzu vielen deutschen Hochschulfilme, auf die langsam sogar die Festivals nicht mehr unbedingt Lust haben). Ein Gewinn fürs Publikum ist und war das Programm (in Mainz wie Saarbrücken) jedoch auf jeden Fall. Und was in Sachen „Chance“ und „Vielheit“ verloren gehen mag, das tut vielleicht – aber nur vielleicht – dem deutschen Film auch in dieser Ecke der Kinolandschaft ganz gut. Ein bisschen aufmerksamkeitsdarwinistischer Konkurrenz- und Selektionskampf. Weil es nicht nur dem Renommee des und der Geschmacksbildung hin zum hiesigen Films zuträglich sein mag (so wenn die wirklich sehenswerten Produktionen noch mehr aus dem Meer des Mittelmaßes hervorgehoben werden), sondern auch, weil es Filmemacher und Förderer auf richtige Weise anspornen könnte. Sprich: Wenn ein Preisregen für LOVE STEAKS geeignet ist, ihn in Sachen Zuschauerneugier und Besucherzahlen an FACK JU GÖTHE und KOKOWÄÄH heranwachsen zu lassen, dann ist nichts Schlechtes daran. In diesem Sinne war auch jedes Klagen über den „Hype“ um OH BOY verquer als Plädoyer fürs interessante deutschen Kino...    

Zurück nach Saarbrücken. Für die Beobachtung dieser (vieleicht doch nicht so neuen) Qualität im aktuellsten hiesigen Film hilft, dass nicht unbedingt das aufgegeben wurde, was man als „deutsche Filmfest-Genres“ zu bezeichnen wäre. Natürlich gab es auch 2014 die unvermeidlichen Comic-of-Age-Tragikomödie, die Boy-meets-Girl-Turbulenz, das enigmatische Drama in gepflegter Aufmachung, bei dem man auf den ersten Blick nie so recht weiß, um was es (ihm) denn so geht, der Historienfilm, oftmals um der deutschen liebste Katastrophe, die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg. Der Emigranten-Problemfilm, die Ausländer- (oder Culture-Clash-)Komödie, der Lebenlustige-junge-Frau-in-existenziellen-Nöten-Film usw. Derlei gab es beim MOP erneut zu besichtigen, in diversen Variationen und Kombinationen – und nicht trotz, sondern gerade weil man von derlei Geschichten und ihren Verpackungen und Einfassungen schon so viel gesehen hat, war der 35. Max Ophüls Preis ein Genuss, hat man doch all die Jahre viel zu oft Beispiele serviert bekommen, die einen allzu oft die Achsel zucken ließen. Anders nun als dieses Jahr.


Was etwa die Wirren und Gräuel des Zweiten Weltkriegs als beliebtes (Filmförder-) Historiensujet betrifft, hat sich jenseits des Guido-Knoppismus sowieso schon viel getan. Der TV-Zweiteiler UNSERE VÄTER, UNSERE MÜTTER machte vergangenes Jahr schon viel richtig (wenn auch u.a. nicht unbedingt den Titel …). In Saarbücken kam nun Rick Ostermann (Buch u. Regie) und geht mit WOLFSKINDER (lief bereits in Venedig) noch ein gehöriges Stück weiter. Ohne Degeto-Seidenmattheit, ausgestellter Melodramatik und wohlfeiler Schreckenszelebrierung befasst er sich mit Thema, das angetan wäre, skeptisch zu werden: deutsche Kinder, die auf sich allein gestellt, von russischen Soldaten gesucht auf dem Balkan, durchschlagen müssen. Der Krieg ist zwar offiziell schon vorbei, aber weder sind für die Protagonisten derlei historische Großrahmungen von irgendwelcher Bedeutung, noch, so zeigt der Film, ist das große Wüten hier, das unbarmherzigen Ausputzen da, zumindest abseits der großen Schlachtfelder, sinnig zu trennen. Und zumindest, wenn für die kleinen Menschen die simple wie fürchterliche Formel gilt: Leben = Überleben.

Darum geht es nämlich in WOLFSKINDER, und darum geht der Film einem an die Nieren. Denn gezeigt werden weniger große Jungen- und Mädchenaugen, die leidend das Geschehen betrachten, seine Opfer werden. Sondern wie eben diese Jungen und Mädchen selbst mitspielen in diesem Fressen-vor-Moral-Spiel – eine unbehagliche Form der Adaption, einem funktionalen Erwachsenwerden. Bis hin, dass sich ein Mädchen, nachdem sich einer der Schutz bietenden Partisanen an ihr vergehen wollte, die braven Zöpfe mit dem Taschenmesser abschneidet.

Von zwei Brüdern handelt WOLFSKINDER (zunächst). Aber Ostermann kehrt die übliche Konstellation um, freilich, ohne sich dabei in einem lediglich spiegelverkehrten Schematismus zu ergehen: Nicht der Ältere, Hans (Levin Liam), muss als Vaterersatz dem Kleinen die Härte des Daseins anerziehen, es ist der jüngere Fritz (Patrick Lorenczat), der kühl und unter größter Gefahr ein Pferd stielt, um sich hernach anzuschicken, es zu erschießen, derweil der große Bruder das noch versonnen streichelt. Mit blutigen Fleischklumpen, herausgeschnitten aus dem toten Tier, laufen sie zur Mutter, die im Versteck auf dem Krankenlager liegt. Von dort aus trägt sie den Jungen auf: sich zu einem Bauernhof durchzuschlagen, wo sie schon mal Unterschlupf fanden, dabei ja nicht ihre Namen zu vergessen, nicht, wer sie sind. Am nächsten Morgen rüttelt Fritzchen den Hans wach und meint, knapp, sachlich-beiläufig, während er sich schon abwendet: „Die Mutter ist tot“. Es ist nicht der letzte Moment in diesem lakonischen Film, der einem einen Schauer über den Rücken jagt. Hans und Fritz machen sich auf den Weg, Hans verliert den kleinen Bruder, findet andere Gefährten, zwei Mädchen, ein Bub ohne Schuhe... WOLFSKINDER ist ein Film über eine Odyssee oder verheißendes Ziel. Bewegung heißt fliehen und zugleich: am Leben bleiben.

Wie Fritzchen gerade kein kleines Monstrum ist, wie Härme und Pragmatismus das Kindliche gerade nicht ausgelöscht haben, das zeigt Ostermann übertragen auf das wahrliche Grauen, jedoch tut er es mit einem neugierigen, bisweilen gar faszinierten Blick. Einer, der die Auflösung von Ordnung und Menschlichkeit weder hehr anklagt, noch allzu cool ausstellt, sondern der notiert, dazu den der Kinder ohne Naivität auffängt. Es ist keine Zeit (mithin kein Film) ausschließlich der guten und, auf der anderen Seite, der unbarmherzigen Herzen, der Geschäftsmäßigkeit oder der Güte, des Kalküls oder des barbarischen Wütens, der Verrohung oder der gesitteten Zivilisation – einer Zivilisation, deren Spuren die Kindern in Form von verdreckten Strickpullundern und Kleidchen noch fadenscheinig am Leib tragen. Es ist eine unheimliche Ambivalenz, die WOLFSKINDER auszeichnet, denn sie kommt ohne überdeutliche Brutalitätsdarstellungen aus, findet dafür oder stattdessen andere, eindringlichere Bilder und Situationen: Wie ein Bauer die kleinen Flüchtlinge aufnimmt – und stumm dreinschauend den Suppenteller nicht rüber reicht, ehe Hans versteht und die Puppe eines der Mädchen an die Tochter des Hausherren als „Bezahlung“ geht, die sich glücklich daran erfreut. Und nur einmal sieht man die geworfenen Kinder sich wirklich wie Kinder unterwegs freuen, lächeln, lachen: wenn sie sich die rohen, blutigen Fleischstückchen hungrig in den Mund stecken, die Hans ihnen von einem gefangenen und getöteten Huhn abschnippelt.

Weniger geht es Ostermann in diesem Sinne um den großen Handlungsbogen, sondern um Stationen, um das Episodische (und zugleich: nachgerade Märchenhafte), das hier ein realistisches ist, eines der existenziellen Krisendaseins. Ein Bauer kommt auf einen Karren vorbei. Deutet auf einen der Knaben. Der ihm prompt übergeben wird, gereicht in welche Zukunft auch immer, als Arbeitsknecht oder Ersatzsohn unter neuer Identität. Wie andere Figuren verschwindet der Bub damit aus der Handlung. Haben sie Glück gehabt, sind davon gekommen? Und auch die Fotografie des Films (Kamera: Leah Striker) fügen sich in diese Gesamtwahrnehmung, in dieses Weltbild. Sicher, Soldaten sehen wir, die auf Kinder schießen, knapp eine ermordete Bauernfamilie vor ihrem Haus, die Frau offenbar vergewaltigt. Aber auch wunderschöne Bilder, die der Balktikumlandschaft, idyllische Birkenwälder, Schilfufer in einem spätem Sommerlicht. Wie jene Natur in Terrence Malicks THE THIN RED LINE ist diese poetische Herrlichkeit, Kontrast zur und zugleich Ergänzung von menschlichen Verheerung, tröstlich in ihrer Pracht und schrecklich in ihrer Ungerührtheit. WOLFSKINDER ist ein prächtiger und zugleich karger, vor allem ein unheimlicher Film, macht er doch bisweilen eindringlich erfahrbar, was Krieg und Chaos innerlich anrichten; gerade: wie und wenn man sich damit arrangiert. Und insbesondere, wenn es (und weil es) innerhalb dieser (Post-)Kriegswelt nichts mehr zu beklagen gibt, sondern höchstens nur eine stumpfe Ahnung von Trauer. Allerdings: WOLFSKINDER ist kein grimmiger Film, einer der Hoffnung macht und das Humane nicht verloren gibt. Selbst wenn Hans seinen Fritz am Ende wieder findet und ihn doch schon verloren hat.

Der „Augenpippi“-Film des MOP 2014, bei dem auch gestandene Männer „was im Auge“ hatten, war Frederik Steiners (bereits in Hof gezeigter) Film mit dem etwas harschen Titel UND MORGEN MITTAG BIN ICH TOT sowie mit einer glänzenden, ans Herz gehenden – nein, nicht Jasna Fitzi Bauer, sondern – Liv Lisa Fries, die in Saarbrücken prompt den Nachwuchsdarstellerinnenpreis gewann. Fries spielt die 22-jährige Lea, die an unheilbarer Mukosviszidose leidet, stets schnaufend und keuchend ihre Sauerstoffflasche dabei hat. Nach Zürich fährt sie, um dort ihrem Leben ein selbstbestimmtes und würdevolles Ende zu setzen. Ihre Familie, Mama, Schwester, Oma lässt sie per SMS nachkommen für den gemeinsamen Abschied, und dass ihre Mutter wenig freudig auf die Entscheidung der lebenslustigen, aber totgeweihten Tochter reagiert, ist ebenso verständlich wie dramaturgisch konfliktreich.

Dem Traurigen von Leahs Geschichte setzt der Film ihren Galgenhumor entgegen, wie überhaupt einen manchmal grimmigen, immer aber feinfühlige Witz. Dazu bieten Steiner und seine Autorin Barbara de Kock nicht nur glaubwürdige Einblicke in die Verfahrensweise der Sterbehilfe, sondern spielen auch mit den Handlungsstandards: Im kleinen Hotel lernt Leah den sarkastischen Moritz kennen, der psychologische Probleme hat; der Arzt, der sie entjungfert und ihr das Herz gebrochen hat, reist nach. Doch das sind nur dramaturgische Spielereien mit den Erwartungen, sogar Hoffnungen der Zuschauer auf eine wundersames Happy End. Für ein solches ist UND MORGEN MITTAG BIN ICH TOT, bei allen „manipulativen“ Griffen (wie der Musik, die manches Mal vielleicht ein bisschen zu sehr weiß, was sie emotional anrühren will), freilich zu ehrlich und konsequent. Nicht nur in seiner Form, sondern auch in seiner (offenen) Haltung.

So bleibt man tatsächlich bis zum Ende und darüber hinaus zwiegespalten, weiß man doch nicht, was man (sich) dieser liebgewonnenen Leah (er)wünschen würde, was das Beste für sie und ihre Familie (und: für sich als Zuschauer) wäre. Einwenden ließe sich, dass das Traurige in seiner Melodramatik den ambivalenten Blick aufs extreme Thema „Entscheidung für den Tod“ ein wenig verstellt. Aber wie Steiner und seine Darsteller im klugen „Mitternachtstalk“ zum Film verdeutlichten, ist die Auseinandersetzung damit ohnehin je eine des Augenblicks, jeweils ein Einzel- und deshalb UND MORGEN MITTAG BIN ICH TOT eben ein Glücksfall. Weil er sich selbst nicht nur einer eindeutigen Position verweigert, sich selbst seiner Antwortlosigkeit bewusst ist, sondern so warmherzig wie überzeugend in seinem dramaturgischen Changieren für beide Optionen „spricht“ und darin unaufdringlich und mit leichter Hand Respekt für Todgeweihte und ihren Entschluss, bei dem es per se kein richtig und falsch gibt, fordert.  


SITTING NEXT TO ZOE: Zwei pubertierende Mädchen, 15-jährige beste Freundinnen. Die türkischstämmige Asal ist die ruhige, etwas schüchterne, gut in der Schule, darf dafür aufs Gymnasium. Die andere, Zoe, ist pummelig, fährt ganz auf schrille Klamotten und ausgefallenes Make-up ab, wird von Mama genervt und mag deren neuen Freund nicht und sieht einer freudlosen Zukunft als Supermarktkassiererin entgegen. Dann entdeckt Zoe einen Fashion-Wettbewerb, dessen Gewinner eine Ausbildung in einer tollen Pariser Schminkschule winkt, und Asal verliebt sich in einen feschen Schweden-Boy, mit dem sie und Zoe zu einem Wanderwochenende aufbrechen.
Kennt man alles, die Probleme und Gefühlswirren, ob Junge oder Mädchen, vom eigenen Erwachsenwerden, mehr aber noch: von anderen Coming-of-Age-Filmen vor allen auf Festivals. Aber: Pustekuchen! Na ja, nicht ganz, denn tatsächlich, natürlich erzählt Regisseurin Ivana Lalović zusammen mit ihrer Co-Autorin Stefanie Veith im schweizerischen SITTING NEXT TO ZOE vom Immergleichen jener Reifungszeit, in der Eltern sowieso nie irgendwas kapieren. Aber wie beschwingt und zugleich zwingend, auf den Punkt hin, sie das tut, das nimmt ein. Hinreißend die hübsche Leah Bloch, für die Rolle der Asla ohne Kameraerfahrung von der Straße weg engagiert; wie sie im Spiel zurückgenommen und zugleich herzzerreißend leidet, wenn ihr nach der ersten (und einzigen) Nacht der schmucke Kai die kalte Schulter zeigt, und sie, notgedrungen, daran verzweifel und hernach wachsen muss, ohne dass die Seelenschrammen ganz verschwinden. Passgenau stimmungsvoll dazu die Songs (wie der herzschmerzwehmütige „Love is a Film“ von The Playgrounds), die Kamera, das Licht. In kleinen Szenen und Konflikten wie in den großen Entwürfen der Orientierungslosigkeit bleiben Veith und Lalović geerdet, humorvoll und ernst und doch auch immer – ganz passend – ein bisschen träumerisch, ein bisschen stürmisch. Die richtige Atmosphäre und Perspektive, den nicht neutralen, aber dafür umso glaubhafteren Blick für die Hormon- und Sehnsuchtswallungen, die einen in einer solchen Zeit um- und antreiben, solche, die rückschauend stets etwas albern und überzogen erscheinen, all der Kummer, all das Schmachten, all der Krach, die aber dafür umso klarer und reiner waren (was natürlich manch abgeklärten Erwachsenen heimlich neidisch macht oder traurig ob des Verlusts).

Dass SITTING NEXT TO ZOE, der viele Lebenssorgen und Glücksmomente einfängt, ohne konstruiert zu wirken, denn auch am Ende ein wenig melodramatischen Überschwang hat und sich ein kleinbisschen Zauber-Schluss nicht verkneifen kann (oder will), zeigt nur, wie hingebungsvoll sich die beiden erwachsenen Frauen selbst trauen, in der Welt ihrer zwei jungen Protagonistinnen ein- und aufzugehen. Und wie wissend-witzig dahingehend SITTING NEXT TO ZOE in seinem Sprachengemisch (Deutsch, Schwizerdütsch, Englisch, Türkisch, Schwedisch) gerät, belegt die – zunächst, und vor allem von Frauen im Kinopublikum belachte – „Rache“ Asals und Zoes an den zickigen hochnäsigen Klassenkameradinnenschönheiten, die auf die coole Party der Heldinnen wollen – indem diese dafür ihre hochhackigen Schuhe draußen lassen müssen. Wie sich das auf/für Jungs „übersetzen“ ließe, ist freilich, aller geschlechterübergreifender Kollektiverfahrung der Pubertät, eine andere Frage ...  

(Zum MOP 2014 hier demnächst mehr)

Bernd Zywietz