Posts mit dem Label Berlinale 2014 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Berlinale 2014 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 26. März 2014

Noch ein Interview mit den Brüggemanns über "Kreuzweg" - man kann nicht genug davon haben!


Wenn ein Interview gut läuft, bekommt man eine Menge Material; und kann das dann teilen; und so erscheint beispielsweise auch bei epd-film.de ein Interview zwischen unserem Co-Herausgeber Harald Mühlbeyer und Anna und Dietrich Brüggemann; die hier über den radikalen Stil
ihres "Kreuzweg"-Filmes und über ihre Erfahrungen mit der Religion reden...


Ihr habt mit „Kreuzweg“ gewissermaßen einen Schnitt gemacht in Eurer Filmographie: Von Generationenkomödien zu einer Moralgeschichte.

Dietrich Brüggemann: Zweifellos richtig. Wobei ich gerne die Kontinutität zwischen den Filmen betonen will, so komisch das klingt. Was ich immer versuche, ist, ein soziales Gefüge, also eine Gruppe von Leuten, die sich zueinander verhalten und miteinander agieren, möglichst präzise zu schildern, jeder einzelnen Figur ein bisschen ins Gehirn zu blicken und dahin zu schauen, wo es peinlich ist, und das dann in eine filmisch zwingende Form zu bringen, die zum Milieu und zum Sujet passt.




Freitag, 21. März 2014

Anna und Dietrich Brüggemann über "Kreuzweg" - im Gespräch mit Harald Mühlbeyer

Auf der Berlinale hat man viel zu wenig Zeit. 20 Minuten Interview reichen kaum. Vor allem, wenn man das Gespräch lustig vor sich hin mäandern lässt...

Man kann auch bei einem engen Zeitfenster schöne Erkenntnisse erlangen - und Anna und Dietrich Brüggemann liefern sie. In einem Gespräch über "Kreuzweg" kommt man vom Formalen schnell zum Künftigen und dann wieder zurück auf die gemeiname Drehbucharbeit. Und streift auch die Filmkonzept-Philosophie von Dietrich Brüggemann:

"Ich habe gerne die Idee von Film als multiperspektivische Versuchsanordnung im Raum. Man hat vor britischen Filmen oft diesen „Film 4"-Vorspann, wo die Kamera um Objekte herumfährt, die auf Stativen stehen und keinerlei Sinn machen, und auf einmal, zack, ist die Kamera in dieser Position, aus der sich das Logo ergibt. Ich finde so ungefähr kann man sich nicht nur die Figuren eines Films, sondern auch abstrakter das Gedankengebäude, die philosophischen Fragen, mit denen man hantiert, vorstellen. Die kann man so in den Raum stellen und gegeneinander antreten lassen und dann kann man so drumrum gehen. Aus einer Perspektive ist Kreuzweg dann auch eine Heiligenlegende, in der ein Wunder geschieht und eine Himmelfahrt, jawoll. Aus einer anderen Perspektive ist es ein relativ sarkastisches Porträt einer Familie, in der es hoch hergeht. Und aus einer wieder anderen Perspektive scheint es auch eine Komödie zu sein, wie man an den zahlreichen Lachern während der Vorführung gesehen hat. Und wenn ich der Komplexität des Lebens gerecht werden will, darf ich mich gar nicht für eine der vielen verschiedenen Perspektiven entscheiden und dem Zuschauer sagen: So ist es! Sondern da muss ich offen sein für diese Interpretationen, und dann bau ich die auch bewusst so, dass auch mehrere Interpretationen denkbar sind."

Dies und mehr im Interview auf WWW.KINO-ZEIT.DE!

(müh)

Mittwoch, 5. März 2014

Deutsches Kino auf der Berlinale (III): DIE GELIEBTEN SCHWESTERN

Sie sind zwar schon rum, die diesjährigen Internationalen Filmfestspiele in der Bundeshauptstadt. Doch zu spät es ist es noch lange nicht, sich dem einen oder anderen Werk zu widmen. Sei es hier oder als Zuschauer im Kino. Denn natürlich starten viele Filme erst noch. DIE GELIEBTEN SCHWESTERN etwa haben ihren regulären Leinwandauftritt am 31. Juli, ehe sie, so sieht es aus, als Zweiteiler im Fernsehen zu sehen sein werden. Rund 170 Minuten dauerte der Streifen auf der Berlinale, doch wie Regisseur Dominik Graf auf der Berlinale-Pressekonferenz mitteilte, wird es eine etwas kürzere Kino- und eine etwas längere TV-Fassung geben. Inhaltlich soll sich die eine von der anderen nicht groß unterscheiden. Doch schon die Kutschenfahrten, überhaupt: das Langsame, das aus unserer Rücksicht „Entschleunigte“ des ausgehenden 18. Jahrhundert macht einen großen Reiz des Films aus – „Sturm und Drang“ hin oder her. Ist also die Kinofassung hier tatsächlich mal nur die amphibische Vorverwurstung für die „originäre“ TV-Variante? Mithin DIE GELIEBTEN SCHWESTERN mal wieder ein infamer Fernsehfilm, der aufgeblasen und zu dessen Verstopfung ins deutsche Lichtspielhaus entsandt wurde, der schnöden Förderungsmittel und des Renommees wegen?

Ach, elendige kritische Frage, die fast so alt anmutet wie die Protagonisten und ihre Zeit. Und mitsamt dem Thema und seiner Emotionalität, so scheint’s, ewig aktuell. Und ebenso berechtigt wie unbegründet. Denn schließlich handelt es sich hier um einen Film von Dominik Graf. Den haben wir schon in ANSICHTSSACHE als Sachwalter eines qualitativ hochwertigen, zumindest aber stets spannenden und eigensinnigen deutschen Films (sowie mithin jenseits der Kluft) zwischen hiesigen Kino und TV gepriesen. Folglich dürfen DIE GELIEBTEN SCHWESTERN in jedem der beiden Dispositive zu eigenem Recht kommen, erzählerisch wie ästhetisch.

Das Zweiteilerische ist den GELIEBTEN SCHWESTERN ohnehin ganz natürlich eingeschrieben. Da ist ein ersterer, lustvollerer Part, in dem Charlotte von Lengefeld (gespielt von der mit bildschönen Katzenaugen und famosem Namen gesegneten Henriette Confurius) nach Weimar zu Ihrer Tante (Maja Maranow – man gedenke Grafs genial teilsurrealistischer Fahnder-Folge NACHTWACHE von 1993!) geschickt wird. Der Ehemann-Findung wegen. Doch der schottische Militär, auf den notgedrungen gesetzt wird, ist es nicht so recht, der fesche Jungschriftsteller Friedrich Schiller (auf der Berlinale auch als Jungpriester in Brüggemanns KREUZWEG zu sehen: Florian Stetter) hingegen tritt zwar charmant und lebensprall auf, dafür aber auch recht mittellos. Hilft nichts, Charlotte verguckt sich in ihn. Ebenso wie daheim in der sommerheißen Provinz ihre Schwester Caroline (nicht zu katzenäugig, dafür Confurius nicht zuletzt der Rolle wegen an die Wand spielend: Hannah Herzsprung). Diese hat zur finanziellen Absicherung der ansonsten langsam verarmenden Familie den Herrn von Beulwitz gezweckehelicht, verdreht nun aber zusammen mit Charlotte dem Dichter in Rudolstadt den Kopf. Oder aber dieser den der Schwestern.

Die zunächst keusch-glutvolle Ménage à trois inszeniert Graf mit vergnüglichem Witz und erstaunlicher Verve, wobei die poetische Sprache jener Zeit erstaunlich bodenständig und natürlich wirkt. Tändeln und Schmachten, Anstand und Etikette, das Ausharren der Schwestern am Fenster, wartend (aber bitte nicht so überdeutlich!), auf dass der Herr Schiller sich dem Schlosse über die Furt nähert – hach, was waren das noch Zeiten, so ohne Massenpresse, Fernsehen, Handy. Kein „#Schillergeil“, keine Facebook-Freundschaft, die SMS noch auf Briefpapier, wortvollendet, schön kaligraphiert und wachsversiegelt.

Sicher: Liebesheirat ist da noch eine Luxus (oder ein Skandal), aber gerade das Steife und Gebotene, Gehrock und Musselinkleid, das kultivierte Französisch, das ist für Graf herrliches Spielmaterial für die drei selbstbewussten Hauptfiguren und ihr Körper. Bei der Pressevorführung im Berlinale-Palast konnten einem die ausländischen Kollegen jedenfalls leidtun, die sowohl vom reclamheftigen Sturm-und-Drang-Zeit-Duktus hier, den Dialekten dort (Schwäbisch oder – beim überragenden, nur von Ferne oder aus der Rückansicht ehrfurchtsvoll präsentierten Dichterfürst Goethe: - Frankfurter Hessisch!) nur mitbekamen, was englische Untertitel so vermitteln konnten (nämlich nichts). DIE GELIEBTEN SCHWESTERN werden dröge eindeutig international zu BELOVED SISTERS.

DIE GELIEBTEN SCHWESTERN – ein, zwar nicht FACK JU, aber immerhin doch ein Philipp Stölzl’erischer GOETHE!? Nein. Zwar tritt auch in DIE GELIEBTEN SCHWESTERN der zweite große Natioinalpoet zwar als solcher nicht sonderlich in Erscheinung, er spielt aber ja auch nur die zweite Geige gegenüber den Frauen und überhaupt: Es geht Dominik Graf eben um die komplexe, komplizierte Liebensbeziehung, ihre Lust, aber auch ihre Folgen und Verletzungen, und das in eleganter, klug inspizierender Form, eine, die den großen historischen wie tragischen Bogen nicht scheut, ohne (allzu sehr) Geschichtstelekolleg oder herzeleidiges Melodram zu werden. Die Graf‘schen Griffe, Sichtweisen und Stilismen, sie fügen sich gekonnt in den Stoff ein (oder dieser wird auf sie hin entfaltet): die ironischen (und als solche vom / im Film selbst ironisch kommentierten) Sprachspiele (die stets auch Gesellschaftsspiele sind in jener Epoche), die Überblendungen, die Standbilder der Protagonisten en face... Und als Schiller – Endlich! möcht man rufen, nach all dem Werben und Verlangen – sich mit Caroline der unerhörten, heimlichen Fleischeslust in Löffelchenstellung hingibt, da hat das trotz (oder wegen) des diskreten Verbleibs der Kamera auf den Gesichtern der Schauspieler mehr aufregende, unverblümte Erotik als alle expliziten Sex-Szenen in Lars von Triers NYMPHOMANIAC VOL. 1 (freilich ein ebenfalls gelungener Film, der auch etwas und von etwas anderem erzählt).

Doch Caroline ist ja schon vergeben; Schiller heiratet also Charlotte, für die wiederum der Gatte aber in ihrer Geschwisterliebe und vor allem aus Dankespflicht für Carolines familiendienlicher Zweckehenopfer doch eben irgendwie der Schwester gehört. Weshalb sie sich ihm quasi innerlich entsagt, zunächst. So kommt der zweite Teil, mithin Schillers beruflicher Erfolg. Professur in Jena, Herausgabe der Horen in Tübingen; das Eheleben nimmt seinen Lauf, Kinder werden geboren. Die Räume, auch buchstäblich in der Inszenierung, die Stuben und Kammern in Jena, in Weimar, im Schwäbischen, sie werden eng und dunkel. Auch die Beziehung der Schwestern geht in die Brüche, zueinander, zu sich selbst. Caroline verlässt ihren Mann, feiert mit ihrem Fortsetzungsroman anonym Erfolge, wird Mätresse. Schiller leidet an schlechter Gesundheit. Geschichte eben.

D. Graf (l.) mit seinen drei HauptdarstellerInnen (Foto: Bavaria)
Auch dieser zweite Part ist gelungen, aber in der Länge des Films dann eben doch düsterer, fragmentarischer, eben nicht so sommerlich-beschwingt, bestechend, charmant; der Liebessommer in Thüringen ist vorbei und man vermisst ihn „hintenraus“, weil er so schön war, so romantisch. Aber so ist es eben, im Leben. Auch das ist Graf hoch anzurechnen, der selbst mit seiner immer leicht nuscheligen, angenehm trockenen Stimme den historisierenden Off-Kommentar spricht: dass er die Wahrhaftigkeit im Träumerischen erhält und umgekehrt, dass er die sachliche Chronik eines dreifachen Lebens und Liebens nicht überhöht, sie nicht überzeitlich (v)erklärt und doch universell nicht zuletzt im Auslaufen hinein ins (auch Sitten-)Historische sein lässt, weiterverfolgt – eine Geschichtslektion, deren erstaunlich moderne private Beziehungsgeschichte sowohl kühle Lerndistanz als auch gleichzeitig nicht große, aber feine erwachsene Anrührung zu erzeugen vermag.

Er kann es also, der Graf nicht nur des Fernsehens, des Polizei- pardon: des Polizistenkrimis und -thrillers, von Im Angesicht des Verbrechens oder zuletzt im stilistisch und inhaltlich überbordenden furiosen München-TATORT „Aus der Tiefe der Zeit“ (Buch: Bernd Schwamm). Doch ist das überhaupt eine Überraschung? DAS GELÜBTE über Dichter Clemens Brentano und die Nonne Anna Katharina Emmerick (mit Graf-„regular“ Mišel Matičević sowie Tanja Schleiff) war auch kein „Schulfunk, Kostümschinken, Erbauungsdrama“, und faszinierende Dreiecksfreundschafts- und -liebeskonstellationen untersuchte er ebenfalls bereits, vor allem in DIE FREUNDE DER FREUNDE (2002, nach Henry James, mit einem Prä-RUBBELDIEKATZ Matthias Schweighöfer, mit Sabine Timoteo und, ja auch hier schon: mit Florian Stetter). Buch für all diese Filme, wie auch zu Grafs DREILEBEN-Beitrag KOMM MIR NICHT NACH, zu Grafs DER FELSEN und seiner Trilogie KALTER FRÜHLING, DEINE BESTEN JAHRE, BITTERE UNSCHULD: Markus Busch. Und alles Fernsehen übrigens.

DIE GELIEBTEN SCHWESTERN, mittlerweile auch mit Verleih in den USA, ist also keine Ausnahme, was das Schaffen Grafs anbelangt, so wie so nicht, gottlob.


DIE GELIEBTEN SCHWESTERN (Regie u. Buch: Dominik Graf)
Kinostart:  31. Juli 2014, Verleih: Senator

Bernd Zywietz   

Brüggemann mit KREUZWEG in Mainz

Am Freitag, den 21. März zeigt das Mainzer CAPITOL den mit dem Drehbuchpreis der diesjährigen Berlinale prämierten KREUZWEG.

Regisseur Dietrich Brüggemann (DREI ZIMMER/KÜCHE/BAD) wird dabei sein und steht dem Publikum im Anschluss für Fragen zur Verfügung. Die Veranstaltung beginnt im 19.00 Uhr. Eine Besprechung von KREUZWEG finden Sie bei uns auf HIER.

zyw

Samstag, 15. Februar 2014

Deutsches Kino auf der Berlinale (II) - KREUZWEG

Um den deutschen Film ist es gut bestellt. Sicher, dieser Schluss ist subjektiv und, zugegeben, nicht alles habe ich sehen können. Aber die Filme mit Kennzeichen D, die ich gesehen habe, die können sich – nun ja – sehen lassen. Auch zahlenmäßig lässt sich ein positiver Trend ausmachen, zumindest wenn man auf die Haupt- und Vorzeigesektion der Internationalen Filmfestspiele, den Wettbewerb, blickt. Waren darin letztes Jahr lediglich Thomas Arslans GOLD und LAYLA FOURIE von Pia Marais vertreten, sind es 2014 doppelt so viele Anwärter auf den Goldenen Bären gewesen. Mehr noch, wenn man George Clooneys verunglückten MONUMENTS MEN als deutsche Co-Produktion mit einrechnet. Man müsste dann allerdings auch Wes Andersons gefeierten Berlinale-Eröffner und Grand-Jury-Preisträger GRAND BUDAPEST HOTEL, der u.a. vom Medienboard Berlin-Brandenburg und der baden-württembergischen MFG bezuschusst und in Babelsberg, Görlitz und sonst wo in Sachsen gedreht wurde, mitberücksichtigen. Außerdem Lars von Triers überraschend witziger und berührender NYPHOMANIAC VOL. 1 sowie STRATOS (bzw.: TO MRKO PSARI), den Beitrag von Yannis Economides, der von einem Auftragsmörder im von der Finanzkrise zerrütteten Griechenland handelt (was den deutschen Unterstützersummen der FFA und der Film- und Medienstiftung NRW für diesen Film durchaus etwas Ironisches verleiht).

Aber hier sei nicht von schnödem Kraut-Funding mit Regionaleffekt oder dergleichem die Rede, sondern von genuinen deutschen Filmen (wie immer man die im Detail als solche definieren mag, etwa über den/die RegisseurIn oder die Themen). Neben JACK (HIER besprochen) sind das im Wettbewerb der Berlinale 2014 Dominik Grafs DIE GELIEBTEN SCHWESTERN, KREUZWEG von Dietrich Brüggemann und Feo Aladags ZWISCHEN WELTEN. Daneben präsentierte die Sektion Panorama Entdeckungen und Empfehlenswertes, darunter Maximilian Erlenweins hard-boiled Thriller STEREO und ÜBER-ICH UND DU von Benjamin Heisenberg (SCHLÄFER, RÄUBER); außerdem – der Name sagt es – die Perspektive Deutsches Kino, in der vor allem ZEIT DER KANNIBALEN von Johannes Naber (DER ALBANER) ein schwarzkomisches Muss war und ist.

Sicher sind nicht alle diese und der andere hiesigen Werke (gleich) gelungen. Insgesamt jedoch zeigte sich der aktuelle deutsche Film in Berlin als überraschend vielfältig, weniger festivalgenerisch bieder und darin auch noch erstaunlich profund und gelungen. Nach Saarbrücken also setzt sich die Glückssträhne, wohl mehr aber noch der Entwicklung in Sachen Vielfalt und Güte des heimischen Kinos fort. Eines, das sich anschickt, nicht zuletzt im Ausland an Beachtung und Renommee (hinzu) zu gewinnen.

1.         KREUZWEG
Dietrich Brügge zum Retter des jüngeren deutschen Kinos, quasi zum „Brügge Man“, auszurufen, der die Gräben zwischen Anspruchskino, Festivalkino und Unterhaltungskomödie jenseits der gereihten Gags schließt, dürfte etwas hochgegriffen sein. Ein Hoffnungsträger scheint er aber allemal, hat er doch mit seinen letzten beiden Filmen, RENN, WENN DU KANNST und vor allem dem einnehmenden DREI ZIMMER/KÜCHE/BAD durchaus etwas zu sagen und zu zeigen gehabt, was das Leben und vor allem die Lebensstimmungen und -findungsschwierigkeiten der Anfang-, Mitte-20-Jährigen betrifft. Gerade im letztgenannten Film, der die Generationsstimmung in der Situation des wiederkehrenden Wohnungsumzugs so symbolisch wie szenisch-narrativ und ganz konkret aufgriff und einfasste, war Brüggemanns Botschaft, laut Rüdiger Suchsland auf Artechock, eine „sympathische Verteidigung der Vorläufigkeit“. Brüggemann als Chronist wäre an sich aber nicht so spannend ohne seine Handschrift und dem damit verknüpften, kindlich-entdeckungsneugierigen, aber nicht pubertären Humor, der sich stets durch ein Moment des Arrangierten, des Gestellten und Gesetzten auszeichnet. Die Bilder sind klar und mit dem Hang (wenn nicht: Liebe) zur Geometrie komponiert, ebenso die Figuren, die – das überrascht – darin nicht ihre Lebendigkeit verlieren, sondern erst behaupten, erstreiten, erlangen. Brüggemann ist kein Komiker, aber seine Weltsicht ist selbst im Drama eines trocken-sarkastischen Querschnittsgelähmten (Robert Gwisdek in RENN, WENN DU KANNST) eher die eines Jaques Tatis oder Buster Keaton denn eines Chaplins.

Diese einfallsreiche, zugleich virile und bisweilen sehr pointierte „Steifheit“ hat den einen oder anderen Kritiker zumindest im Trailer zur KREUZWEG aufs Glatteis geführt. Denn Brüggemann hatte letztes Jahr einiges Aufsehen erregt (und uns mit dem Verweis darauf die höchste Click-Zahl beschert), als er auf seinem Blog zur letztjährigen Berlinale gegen die „Berliner Schule“ und dabei auch Arslans GOLD wetterte. Und nun erweckte er mit KREUZWEG (der nun – auch so eine Ironie der Festivalgeschichte – selbst im Wettbewerb lief) bei dem einen oder anderen Schreiber vorab den Eindruck, sich selbst auf das gleiche filmische Terrain zu begeben. Der Verdacht war unbegründet. Zusammen mit seiner Schwester und Co-Autorin, der wunderbaren Schauspielerin Anna Brüggemann, ist er formal, gar formalistisch zurückgekehrt zu seinem ersten Spiel- und HFF-Potsdam-Abschlussfilm NEUN SZENEN von 2006. NEUN SZENEN: In acht langen, statischen, ununterbrochenen Einstellungen und einer ebenfalls ungeschnittenen Plansequenz (eine Fahrt durch den Park) wird episodisch, die Figuren ablösend und ihre Wegen überschneidend, von Orientierungslosigkeit und den Beziehungssorgen der Post-Abitur-Zeit erzählt. Das hatte inhaltlich wie formalästhetisch noch etwas von Experiment mit unverkünsteltem Appeal und gelungener Übung. Entsprechend spannend ist es nun, wie sich Brüggemann mit dem selben Ansatz einem ganz anderen, ernsteren Thema in KREUZWEG widmet. Aus neun sind vierzehn Szenen geworden (gedreht in ebensovielen Tagen), die Stationen des Weges Jesu zum Kreuz und darüber hinaus eben, die als solche im Film selbst jeweils (und bisweilen boshaft) kapitelhaft tituliert sind. „Jesus wird zum Tode verurteilt“ (der Firmungsunterricht), „Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern“ etc. in starren Halbtotalen, in Räumen, einmal im Auto, schließlich eine Fahrt in der Kirche, eine Kamerakranfahrt ganz am Ende.


KREUZWEG ist, so Brüggemann, kein Religions-Bashing, aber es fehlt schwer, gerade in der gewählten Form (oder aus ihr heraus) zumindest keine bissige Ironie zu verspüren und sie bei aller Tragik der Geschichte zu genießen. Ein bisschen erscheint KREUZWEG wie ein Gegenentwurf zu und doch entfernter Geistesverwandter von Katrin Gebbes an die Nieren gehenden TORE TANZT. Es ist eine Opfergeschichte eines jungen Menschen, der seinen religiösen Glauben (zu) ernst nimmt und in voller Konsequenz leidend durchexerziert. Wobei sowohl Gebbe wie Brüggemann – die eine mehr, der andere etwas weniger – den Zuschauer wahlweise spöttisch oder unbequem Berechtigung dieses Passionswegs qua bestätigender Erfüllung und Sinn mit kleiner Geste beigeben.

In KREUZWEG (dessen Kinoplakat ebenso frech überzogen ist wie das von NYMPHOMANIAC), geht es freilich um keinen „Jesus-Freak“, der in der Gartenlaube drangsaliert wird, sondern um die vierzehnjährige Maria (eindrucksvoll: Lea van Acken) die mit ihrer Familie den Lehren der (im Film umbenannten) konservativ-traditionalistischen Pius-Bruderschaft folgt. So wächst das Mädchen, befeuert vom attraktiven, schwungvoll beseelten Pater (Florian Stetter), in der Gewissheit auf, dass moderne Musik wie Soul und Rock ebenso des Teufels ist wie es ihre Pflicht, den modernen Verlockungen zu wiederstehen, immerzu wachsam, tugendsam und mithin verzichtsvoll zu sein. Die gestrenge, dominante Mutter tut im Elternhaus das übrige in puncto katholischer Ordnung, und weil der kleine Bruder nicht spricht, sich Maria quasi für ihn aufopfern will, geht sie ihren Weg, auch wenn sie ein freundlicher Schulkamerad oder der durchsäkularisierte Alltag, etwa des Schulsports, quasi in „Versuchung führen“.

Die Brüggemanns diffamieren mit KREUZWEG Religion und katholische oder sonstwelche Lebensführung nicht, sie führen weder den jungen Priester vor, noch stilisieren sie die von Franziska Weisz fabelhaft gespielten Mama zur fanatisch eifernden Mutter einer CARRIE, im Gegenteil. Aber sie nehmen klar Partei, zeigen zumindest unaufdringlich Mitleid für die Seelennöte ihrer jungen Protagonistin und üben darüber deutlich, wenn auch „unausgesprochen“ und zwangsweise Kritik an der Erziehungsbeengung und Indoktrination von ungeschützten jungen Seelen, denen, wie eben hier in Marias Fall, leider keine reelle negative Religionsfreiheit zukommt. Eine Freiheit eben nicht nur für, sondern auch gegen den oder zumindest ein Stückweit vor dem reglementierenden Glauben. Eine Freiheit, die im Privaten unterhalb des Radars von Erziehern, Jugendämtern, Ärzten, allzu leicht, blind und dummerweise in bester Absicht fatal verwehrt wird.

Umso mehr schmerzt es, zuzusehen, wie diese Opfer-Figur Maria nicht nur in dem clever und dicht gewebten Netz dogmatischen Argumentationen und einer Selbstreflexivität, die zur permanenten Skepsis der eigenen Beweggründe noch im Handeln unter den Vorgaben des Gebotsregimes auffordert, eingewickelt ist, sondern wie sie dieses selbst noch letztlich über die Maße hinaus weiterspinnt, all die Forderungen und die Hingabe übererfüllt. Und zwar so, dass sie praktisch nichts macht. KREUZWEG ist damit auch eine kleine, recht einfache und deshalb so wirksame Parabel über die Mechanismen des Fundamentalismus und einem schnell verlorenen Kampf dagegen, einer, der selbst einen für Gott gegen die verderbte Welt befiehlt. Und es ist ja nicht so, dass diese blasse, schlaksige Maria nicht aufbegehren oder wenigstens einen Ausweg suchen, besser gesagt: andenken und ausprobieren würde. Doch auch der kleine und harmlose, mit einer Notschwindelei beförderte Versuch, den Kirchenchor des netten Schulkameraden zu besuchen, endet schnell und das erbsündige Schuldbewusstsein ins Konkrete, den Familienbund hinein, steigernd, finalisierend. Und so wird Hingabe zur Aufgabe, Buße und Eigen-Geißelung zur Ich-Entsagung. Ach, hätte sie sich doch als die missionarische Vorkämpferin gegenüber der Mutter geriert, die gegen den Gospel des Mitschülers ankämpfen will, so wie es ja der Priester anmahnte – vielleicht wäre sie durchgekommen. So aber wird sie in eigener Sache zur eifrigen Avantgarde, die inneren Augen zum Himmel gerichtet.

Das erscheint alles in seinem Thema vielleicht etwas bemüht, auch anachronistisch, zu irrelevant zumindest in der Blickrichtung. Hätten Dietrich und Anna Brüggemann, selbst (wenn auch moderat) katholisch erzogen, vielleicht in gleicher Form, in ähnlicher Weise, von Taliban und Jihadisten erzählen sollen oder können? Auf dass am Ende nicht das Grab, sondern der Sprengstoffgürtel wartet? Wäre das möglich, erlaubt gewesen, ein gänzlich anderer Film geworden? Der böse Fremde mit der Bombe statt einer jungen, keuschen Dulderin? Aber auch im sogenannten Westen ist die religiöse (mithin natürlich: christliche) Religion und ihr Freiheits- und Gestaltungsanspruch wieder auf dem Vormarsch. Und insbesondere dahingehend KREUZWEG ist eine generelle Auseinandersetzung mit dem Geltungsrang und dem Gültigkeitsraum von Überzeugungen im modernen, pluralistischen Alltag und den Verwerfungslinien und Reibungspunkten dazwischen. Wie viel Toleranz muss da, darf da sein, wie viel an Partikularrecht? Der Film selbst reißt die Frage an, wenn im Sportunterricht die Lehrerin für Maria die Popmusik ausschaltet und hernach ihre Not an mit den kecken Buben, die es jetzt aber wissen wollen: Was, wenn meine Religion es verbietet, am Sport teilzunehmen? So wie übrigens bei den muslimischen Mitschülern?   

Gerade aber was die spezifische Religiosität Marias angeht, bekommt die Auflösung der Szenen in einzelne, wenige Tableaus, die in NEUN SZENEN eher noch selbstzweckhafter wirkte, weil ohne zwingenden thematischen Widerhall, in KREUZWEG eine bemerkenswerte formale Bedeutung und entfaltet besondere Wirkung. Das ästhetische Konzept mag sich für einen oder anderen in sehr den Vordergrund drängen. Doch selbst das lässt sich KREUZWEG und Brüggemann gar nicht vorwerfen, denn das Ikonische, das eigentliche oder metaphorische Bild(nis)hafte selbst ist dem Film ohnehin ebenso einreflektiert wie dem Christentum und besonders dem Katholizismus, so dass sich Spott- und Andachtsgemälden hier ineinanderschieben – nicht nur das des „Genres“ Kreuzweg oder des Passionsspiels, sondern auch des Kinos selbst. Wenn also in der letzten Einstellung das Grab schnöde mit einem kleinen Schaufelbagger in der Herbstsonne zugeschüttet wird, lässt sich das lesen als letzter ironisch banalisierender Kommentar, ein Seitenhieb, aber auch als verwahrende Abkehr von jener filmischen Anrührungssprache, die Beerdigungen gerne und häufig mit schwarzgewandeten Trauernden im Regen besetzt.     
    
Nicht zu Unrecht also wurden Anna und Dietrich Brüggemann für ihr KREUZWEG-Drehbuch mit dem Silbernen Bären 2014 ausgezeichnet. Am 20. März kommt der Film im Verleih von Camino in die Kinos.

zyw

Freitag, 7. Februar 2014

Deutsches Kino auf der Berlinale (I): JACK


Hit the Road... ?

Daniel ist zehn Jahre alt, und hat es nicht leicht. Denn nicht nur wächst er in liebvollen, aber ungeordneten Verhältnissen in Berlin auf, sondern heißt darüber hinaus auch gar nicht Daniel. Sondern Jack. So wie der Film. Beziehungsweise: der Film nach seiner kleinen, gebeutelten Hauptfigur, eine, die umso gebeutelter ist, als sie es gar nicht merkt. Ivo Pietzcker (wirkt irgendwie wie ein junger Hanno Koffler) spielt den kleinen Kerl überzeugend, aber das muss nichts heißen – oftmals sind Kinder einfach vor der Kamera. Punkt. Keine Kunst, keine Technik, sondern: Sein. Das kann schief gehen, hier ist es geglückt. Auch wie sich die Regie von Edward Berger in JACK nicht nur die filmischen Mittel auf Augenhöhe halten, sondern, zudem, immer ein klein wenig darüber, emotional, verständnistechnisch.  Das hat den großen Vorteil, dass wir nicht nur dumm mitfühlen müssen, sondern dass wir das Hundsgemeine, das Gedankenlos-Gemeine auch kühl erkennen, ein- und abschätzen können. Das hat den Nachteil, dass wir, dramaturgisch, erzählerisch geschult, immerzu voraussehen, was da uns und dem jungen Helden blüht. Zugleich aber schätzen wir umso mehr den geglückten Schluss, in dem Jack selbst – sowohl endlich wie leider – begriffen hat, wie es um ihn herum zugeht. Was er zu tun hat. Was er sich abzuschminken hat. Und welche Verantwortung er übernimmt. Ein optimistischer wie pessimistischer Schluss, umso beeindruckender weil: von leichter Hand.

Aber warum Jack jetzt Jack heißt und mithin JACK eben JACK – ich weiß nicht. Ein verunglückter Angloamerikanismus, der schielt und verweist? Vielleicht aber auch: weil Jacks Mama (gelungen besetzt: Luise Heyer), die selbst noch recht jung ist, eben so drauf war und ist, ihren Sohn so zu benamen. KEVIN wäre auch allzu unmöglich heute. Überhaupt ist Mama vielleicht nicht nur Schuld am Titel, sondern überhaupt an der Misere, von der er handelt. Jack muss auf seinen kleinen Bruder Manuel (Georg Arms) aufpassen, zeigt sich schon in der Auftaktszene, in der er Papa und selbst Kind zugleich ist, durch die Wohnung hetzt, sich eilig anzieht, rudimentäres Frühstück macht, hilflos und abgeklärt zugleich. Die Mutter ist, mal wieder, nicht zu Stelle. Aber der Film (Drehbuch Berger u. Nele Mueller-Stöfen) denunziert sie nicht, zeichnet sie als Frau, die selbst bewusstseinsmäßig noch nicht ganz ausgereift ist. Man glaubt ihr gerne, dass sie Jack und Manuel von ganzen Herzen liebt, sieht sie mit ihnen herumtollen, wie sie sich alle drei quasi gegenseitig wärmen. Aber es ist eben auch eine Frau, die ihr altes Mädchen-Leben, die Partys, die Freunde, die freiheitliche Verantwortungslosigkeit nicht aufgeben will – oder eher: kann. Es ist eine überforderte Frau, hinter deren Glück immer schon dessen Illusion und der Absturz hervorschimmert. Eine Mutter, die im Amt auf keinen Fall ihr Kind fortgeben will, die es aber dann auch im Heim lässt, wenn es ihr halt nicht passt, es vergisst. Was, so gesehen, natürlich auch so ein erzählerischer Kunstgriff ist, der leicht gebraucht das Publikum anzurühren. Andererseits: ein Drama, vielleicht auch Tragödie mit eigenem Recht und eigener Dimension.

Aber hier, in diesem Film, ist es vor allem Jacks Geschichte, und die funktioniert wie sie ist. Der kennt die Schattenseiten der Mama, aber als er den Bruder, der ihn klaglos als Erziehungsberechtigten akzeptiert, in die zu heiße Badewanne steigen lässt, ist Schluss mit dem (auferzwungenem) freien "Schaffst-du-schon"-Leben. Ob trotz oder wegen Mama (und ihrem erratischen Wesen) – Jack kommt ins Kinderheim. Dort hat ihn ein Älterer auf den Kiecker (auch so ein Plot-Device), bis ihm Jack, pädagogisch natürlich unlauter und moralisch völlig daneben, gleichwohl emotional ausgleichstechnisch durchaus befriedigend und gerechtfertigt mit einem Ast Eins überzieht. Jack türmt, schlägt sich durch und zurück in die Stadt, wo er Mama daheim nicht findet, wenigstens dann aber seinen Bruder bei einer Bekannten, sodass sie zu zweit durch die Stadt wandern, auf der Parkbank oder in einem kaputten Auto in der Tiefgarage nächtigen, immer wieder vor der Mietshauswohnung aufkreuzen. Der Schlüssel im Schuh auf dem Flur ist nicht da. Das vielleicht in mehrfacher Hinsicht traurigsten Bild, dass das Drama des verblüffend zwingend auf den Punkt bringt.

JACK ist die Geschichte einer Odyssee kleiner Menschen, auf der Suche, auf der Flucht. Dass es nicht nur in Kriegs- und Entwicklungshilfegebieten, sondern hier, bei uns, Kindern dreckig geht – und wie einfach und schnell das passiert –, ist leider nicht nur allgemein keine Neuigkeit mehr, sondern auch schon im Kino thematisiert (ja ja, wie DER JUNGE MIT DEM FAHRRAD von den Dardennen). Daraus aber eine solch kleine und zugleich existenzielle Erzählung (Trinken, Essen, Schlafen) zu schaffen, ohne ins Melodramatische abzudriften, ist eine Kunst, die Berger beherrscht – einfach deshalb, weil er das Melodramatische nicht einfach anti-betroffenheitsschulmeisterlich leugnet und zu negieren sucht, sondern etwas im Soundtrack etwa mit kurzen, pointierten Streichereinsätzen eingesteht und annimmt, ohne ihm zu verfallen. Damit fängt er nicht nur die Weltdimension der Erlebnisse für Jack ein, sondern nimmt und selbst mit der (traurigen) Gewissheitserfahrung von Erwachsenen sowohl ernst wie an die Hand. Zwischen Überwältigung und ebenso kalkulierter, noch enervierender weil manipulativer Lakonik und Distanz: Diese gelungene, ungewöhnliche Gradwanderung in Einklang mit seinem „Blickwinkel“ macht den in Vielem sozialproblemfilmkonventionellen, zugleich derart vorzüglich einfachen JACK so bemerkenswert und, denkt man darüber nach, absonderlich nachhaltig im eigenen sozialproblematischen Gefühlshaushalt. Ein Film, wie Jack selbst, der vor allem dann wächst, erwachsen und erwachsener wird, vor allem, wenn man ihn gesehen hat und - wie Jacks Mutter - nicht hinschaut.