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Freitag, 30. Oktober 2015

Storch-News: "Das Maschinengewehr Gottes" im Dortmunder Theater

Wenzel Storch setzt sich im Theater fest: Nach "Komm in meinen Wigwam" eine zweite Bühnenregiearbeit Storchs: "Das Maschinengewehr Gottes", natürlich nach eigenem Buch und natürlich über sein Lieblingsthema:

Die Meßdiener Lutz, Erika und Egon leben allein in einem alten Pfarrhaus. Der Kaplan ist getürmt, die Kirche ein Trümmerhaufen. Beim Christlichen Versandhandel bestellen sie sich einen neuen Priester: das Maschinengewehr Gottes. Als der dann explodiert, beginnt ein unvergleichliches Road-Abenteuer...

Die Uraufführung der Katholikensause findet am 10, Dezember um 20 Uhr im Studio des Schauspiel Dortmund statt; weitere Aufführungen am 11., 17. und 27 Dezember.

Und vielleicht gibt's ja mal Gastspiel in für uns erreichbarer Nähe...

Donnerstag, 26. März 2015

"Komm in meinen Wigwam", ein furioses Catholica-Mysterienspiel von Wenzel Storch

Ein Gastspiel im Mannheimer Nationaltheater: Wenzel Storchs „Komm in meinen Wigwam“, im Dortmunder Theater als „Pilgerreise in die wunderbare Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur“ inszeniert, wurde im Rahmen des 2. Mannheimer Bürgerbühnenfestivals aufgeführt. Ich hatte ja große Erwartungen; und die wurden voll erfüllt. „Komm in meinen Wigwam“, das sind: Ein schmieriger Moderator mit toupetiertem Haupt und vertrauenseinflößendem Schnurrbart; zwei Ministranten, ein alternder Kaplan, ein Mädel und ein Junge, direkt aus den katholischen Träumen der 50er Jahre entsprungen. Und ein Nonnenchor. Ab und zu tanzende schwellende Blütenkelche und sprießende Stengel, bunt kostümierte Manifestationen der zart-subtilen Metaphorik von Berthold Lutz, Starautor der katholischen Jugendliteratur der 1950er.

Lutz ist ein wichtiger Bestandteil von Storchs Universum: Einer der Eckpfosten seines abgesteckten Claims der philologischen Erforschung von Katholika-Trash. Sammler, Forscher und Fan ist Storch, wenn es um die literarischen Ergüsse geht, die in den tiefkatholischen Druckerzeugnissen der Nachkriegszeit darum ringen, die Jugend auf den rechten Pfad zu führen. Da werden deutlich, aber metaphorisch, explizit, aber subtil die Pubertät, der Geschlechtstrieb erklärt in blumiger Sprache von Leuten, die von Amts wegen keine Ahnung davon haben dürften. Wobei strenge Geschlechtertrennung herrscht, Bücher für Jungs, Bücher für Mädels: „Die goldene Straße“ etwa, oder „Das heimliche Königreich“, oder natürlich der Klassiker: „Peter legt die Latte höher“.

Storch ist Experte auf diesem Gebiet. Und er hat listiger- und lustigerweise sich selbst in sein Stück hineingeschrieben, ein Experte namens Baldrian begleitet die Show, gespielt von Thorsten Bigegue, der tatsächlich ein bisschen aussieht wie Wenzel Storch. Baldrian ist mit einem Strickblazer unvorteilhaft gekleidet, weiß nicht, wohin mit seinen Händen, kennt sich aber aus in allen Verzweigungen, die sich assoziativ in der Beschäftigung mit katholischen Erziehungs- und Entwicklungsratgebern ergeben. Baldrian ist die Wenzel-Storch-Figur, so wie sich auch Berthold Lutz in der „Goldenen Straße“ mit einer Kaplan-Figur einen Stellvertreter im lehrreichen Geschehen geschaffen hat. Dieses Buch ist so etwas wie der Fixpunkt von „Komm in meinen Wigwam“: Szenen daraus werden nachgespielt, von dem adretten Mädel, vom strammen Jungen, von den eifrigen Ministranten und von Kaplan Buffo, dem ältesten im Bistum.

Wobei das ganze Stück sozusagen gespielt ist: Angeblich ein moderiertes Laienspiel, ein bunter Abend im katholischen Gemeindehaus, mit herzlichem Dank an die Kolpingjugend, die die schönen Kostüme geschneidert hat (und heute Abend leider nicht dabei sein kann wegen dem großen Volleyballturnier, was will man machen). Die Doppelt- und Dreifachcodierung der Handlung als gespieltes Spiel, in dem wiederum auf einer Leinwand assoziative Fotos aus Storchs Sammlung und ab und zu auch ein Filmchen (beispielsweise die Popel-Sequenz aus seinem Debütfilm „Der Glanz dieser Tage“) projiziert werden: Das potenziert die Ebenen der Ironie, zumal dem Publikum auch noch Liedzettel verteilt werden, und zum Filmausschnitt gibt es Popcorn aus dem Klingelbeutel. Das Urkatholische, es wird gefeiert und verdammt, liebevoll dargestellt und bitterböse verarscht.

Zwischendurch tauchen Teddybären auf, weil auch der Petzi-Bär ein wichtiger Fixpunkt in Storchs Schaffen ist. Thomas Mann und Adalbert Stifter, selbstverständlich auch Arno Schmidt dürfen nicht fehlen, und wir sehen Theodor W. Adorno auf einer Faschingsfeier. Schlager werden eingespielt, und dass die Kastelruther Spatzen auf mal ein antizölibatäres Liedlein geträllert haben, ist auch eine Erkenntnis.

Kurz und gut: 75 Minuten großer Spaß. Multimedial. Und Klarheit darüber: Storch beherrscht Film, Literatur, Fotostory ebenso wie das Theater.

Harald Mühlbeyer

Fotos: Nationaltheater Mannheim

Montag, 13. Oktober 2014

"Komm in meinen Wigwam" - ein Theaterstück von Wenzel Storch

Premiere am 17. Oktober im Schauspiel Dortmund; zweite Aufführung am 24. Oktober dortselbst; danach erst wieder im September, wegen vorheriger Abwesenheit des Hauptdarstellers:

Ein bisschen durcheinander, aber immer menschlich, und das passt halt totalomäßig zu Wenzel Storch.
Der bringt sein erstes Theaterstück "Komm in meinen Wigwam" auf die Bühne, in eigener Regie; und natürlich geht es um die wunderbare Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur, basierend auf Storchs Artikelserie in konkret, die auch in seinen diversen Büchern immer wieder Wiederauferstehung feiert.
Der offizielle Pressetext:

"Freuen Sie sich auf Perlen der Sakro-Pop-Musik, auf tanzende Nonnen, fleißige Messdiener und einen weisen Kaplan, umgeben von üppig knospenden Gärten voll schwellender Stengel und Kelche, umrankt von sakralen Tapeten. Dazwischen lodern kunstvolle Super-8-Bilder aus einem römisch-katholischen Propagandafilm auf."


Und lassen wir auch Storch selbst zu Wort kommen:

"Da ich mit Theater eigentlich nie was am Hut hatte, muß man sich das Ganze vielleicht mehr als Bunten Abend bzw. als eine Mischung aus Lehrstück und Revue - inklusive Filmeinsprengsel - vorstellen – jedenfalls tummeln sich auf der Bühne alte, aber agile Kapläne, blutjunge Meßbuben, Grashüpfer, Ordensschwestern und Krokodile, und es geht - unter anderem - um eine geheimnisvolle Filmdose, die aus den Geheimarchiven der Augsburger Puppenkiste stammt. Dazu gibt's viel Musik von Pater Perne, James Last und den Kastelruther Spatzen."

Weitere Infos des Theater Dortmund auf www.theaterdo.de.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Wenzel Storch: Die Filme

Wenzel Storch hat in ANSICHTSSACHE reichlich über sich, seine Filme und seine Sicht auf Filme geplaudert; nun plaudert er noch reichlicher über sich, seine Filme und seine Sicht auf Filme, denn er hat ein neues Buch zustandegebracht: Schlicht "Die Filme" betitelt, kompilierte Storch Texte und Interviewpassagen (und natürlich eine massige Masse an Bildern) zu einem ultimativen Kompendium über sein Filmwerk.
Nach einer grundlegenden Schilderung der Voraussetzungen - ultrakatholisches Elternhaus und eine
versiffte Wohnstadt im Mittelpunkt der Hildesheimer Trinkerszene - folgen ausführliche Kapitel über Storchs bisherige Langfilme: "Der Glanz dieser Tage" (1989), "Sommer der Liebe" (1992) und "Die Reise ins Glück" (2004) werden umfassend gewürdigt, von lustigen Anekdoten bis zu detaillierten Beschreibungen der verschiedenen Bastelarbeiten, die für den Look der Filme notwendig und bestimmend sind.

Das Ganze ist dargebracht in Form eines langen Interviews - und wir sind stolz, mitzuteilen, dass knapp über drei Seiten auch auf das ANSICHTSSACHE-Konto gehen. Wer also unseren Band schon besitzt, kann sich glücklich schätzen: Er muss nur noch 332 Seiten Storch lesen, statt 335!

Aber was heißt lesen: Man kann Storchs "Die Filme" auch einfach angucken. Mindestens tausend Bilder machen den Prachtband zu einem kunterbunten Augenschmaus!

Jetzt, vor Weihnachten, darf man in diesen begeisterten Sprachstil verfallen. Wem meine Freude noch nicht genügt, dem sei gesagt: Auf wundersame Weise genügt es, dieses Buch zu lesen - dann braucht man Storchs Filme (die teils noch überhaupt nicht auf DVD erschienen sind, teils zu nur für Hardcorefans erschwinglichen Höchstpreisen im Ausverkauf stecken) gar nicht mehr zu sehen. Zwar macht das Buch Lust auf die Filme - aber gleichzeitig, und warum auch nicht, ersetzen die Bildstrecken die unerreichbaren Filme. Die nämlich fast nur noch als eine Art Bonusmaterial anzusehen sind zu den irr- und aberwitzigen Abenteuern ihrer Entstehung.

Großer Geschenketipp für den Weihnachtsendspurt!


(müh)


Wenzel Storch: Die Filme. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2013. 335 Seiten, gebunden, viele viele bunte Bilder. Euro 29,80.


Bestellbar beispielsweise im SCREENSHOT-Online-Shop!

Dienstag, 14. Mai 2013

Wenzel Storch: "Das ist die Liebe der Prälaten"

Wenzel Storchs Schatz ist seine Kindheit. Oder besser: Das, was ihm als Kindheit aufgezwungen wurde. Strenger Katholizismus zum Beispiel, oder hochalberne Popstars mit hochalbernen Bravo-Postern und hochalberner Musik. Oder das wenige, was in einer wahlfreiheitsfreien Drei-Programme-TV-Welt vor sich ging. Diesen Schatz hebt er in multimedialer Form: als Film; als Glosse, Satire, Rezension, Porträt etc. – kurz: literarisch; als krude skizzierte Strichzeichnung; in Vorträgen, Lesungen etc.; oder auch mal im Interview, beispielsweise in ANSICHTSSACHE.

Wer nun das eine oder andere Mal auf die eine oder andere Art über Storch stolpert und wer sich mehr oder weniger, direkt oder indirekt angesprochen fühlt, der kann an jeder beliebigen Stelle in das storch’sche Universum einsteigen. Denn Storchs Welt ist in sich konsistent, von überall aus kann man alles erforschen.
Wer etwa schon mal einen Storch-Film gesehen hat; oder wer sein 2009 erschienenes Buch „Der Bulldozer Gottes“ gelesen hat – der wird kaum von den Qualitäten von „Das ist die Liebe der Prälaten“ überzeugt werden müssen. Dieses jüngst erschiene Werk versammelt in der Hauptsache Storchs Konkret-Essays, dazu wie gehabt einige Werke der Bildenden Kunst sowie weitere Texte zur Popkultur – und selbstverständlich eine Unmenge an Fotomaterial.

Weshalb die Lektüre auch so lange dauert – weil man ständig zum Abbildungsverzeichnis blättert, wo denn nun dieses bizarre Bildchen wieder her ist, vom obskuren japanischen Monsterfilmstill über merkwürdige alte Katalogbildchen bis zu bizarren Lustbildchen diverser Phalli – und nicht nur symbolisch verbrämter…

Das Schöne an Storch-Texten ist nicht nur seine treffende Art von Porträtierung und Polemik, sondern auch die Erweiterungen, die er seinen Themen angedeihen lässt – durch die Fotos, oft an den Haaren herbeigezogen und doch irgendwo mit loser inhaltlicher Verknüpfung (und wenn sie nur auf die Komik zielt). Und durch die kenntnisreichen Verweise auf die Literaturgeschichte, vornehmlich auf Kunst- und Populärromane des 19. Jahrhunderts, von Franz Werfel über Adalbert Stifter bis Karl May. Verweise, die treffliche kulturelle Brücken sind und auf den größeren Zusammenhang verweisen, den Storch in seinem Werk verkörpert: Alles hängt mit allem zusammen, und alles ist einer Betrachtung wert. Sie muss ja nicht wohlwollend sein.

So geht Storch, gleich im ersten Text, auf die Natur ein; genauer: auf das Besingen der Natur durch Hannes Wader, mit „Rohr im Wind“ von seiner dritten Platte „7 Lieder“, 1972. Genauer – und zwar tatsächlich mit äußerst präziser Wortfindung und -setzung – auf die tatsächlichen oder nur behaupteten, höchst pubertären Phallussymbole im Text, bebildert mit entsprechenden Fotos und sich auswachsend auf eine durch und durch versaute Botanik, „auf den Rohrkolben, im Volksmund auch als Lampenputzer, Schlotfeger oder Pompesel bekannt, mancherorts wird das Gewächs auch Pfaffenpint gerufen – ein Kosename, des sich der Große Rohrkolben mit Giftpflanzen wie Fieberwurz und Aaronstab teilt.“ Kurz: „Ob Hannes Wader seinen alten Biolehrer konsultiert hat, bevor er sich an den Text gesetzt hat?“

Sex: ein wichtiges Thema. Beispielsweise in der katholischen Aufklärungsliteratur der Nachkriegszeit, auf die sich der Buchtitel bezieht, mit diversen schriftstellernden Patern, die literarische Pater erfinden, um der Jugend den Pfad der Tugend zu weisen. Diverse Schriften für Jungens und Mädels, aus denen Storch gekonnt und gezielt die pädophilen Spreizungen herauszieht, als Trüffelschwein für schweinischen Subtextes.

Storch ist ein Zweitverwerter, ein Sekundärliterat, der mediale Ausformungen des menschlichen Geistes – und wenn dieser noch so schwächlich ist – mit beiden Händen anpackt, um und um dreht, erforscht und auf die Müllhalde der Geschichte, seiner Geschichten purzeln lässt. Ob Wadersong oder Paterbuch oder Robert Crumbs Comic-Genesis. Und natürlich auch Audiovisuelles.

So unternimmt Storch eine ausführliche Reise ins Land der Haarmenschen – und übernimmt damit die ehrenvolle Aufgabe, erstmals überhaupt die Geschichte des „Beat Club“ aufzuarbeiten, von der beklagenswert grauen Zeit, in der Pop im TV nicht stattfand bis zu den visuellen Exzentrikexplosionen von Produzent Michael Leckebusch, der die Performances seiner Bands – von Billig-Musik bis zu Großstars – mit elektronischem Bildersalatsoße überschüttete.
Und er betrachtet ganz genau den Neger in Form von GünterWallraff in Form von Kwami Ogonno, der schwarzbemalt seine deutschen Mitmenschen nervt und deren Reaktion, mit heimlicher Kamera gefilmt, als ganz schlimmen Rassismus deutet – Storch aber kennt seinen Karl May, seinen Wilhelm Raabe, seinen Struwwelpeter und Achternbusch und weiß den Wallraff einzuschätzen – als der, der mit den rassischen Klischees spielt. Und er fügt ein schönes Immanuel-Kant-Zitat bei: „Die Neger werden weiß geboren, außer ihren Zeugungsgliedern und einem Ringe um den Nabel, die schwarz sind.“ Weiß der Weise aus Königsberg.

Die schreiberische Methode Storchs ist hochüberraschend und hochkomisch – weil die Gegenstände seines Schreibens hochamüsant sind, und weil sein mäandernder, assoziativer Stil hocherstaunlich ins Schwarze trifft.
In der „Beat Club­“-Story beginnt er abrupt – nach glückseligem Beschreiben von Stimme und Aussehen des Sängers von Ohio Express – ein völlig neues Thema: „Wollten wir unseren Onkels und Tanten glauben, dann war es immer wieder ein kleines Wunder, daß die Sendung überhaupt stattfinden konnte. Angeblich kamen all die Taugenichtse und Tagediebe ‚nach eigenem arbeitsscheuen Dünken’ in den Club – um das Wort eines fleißigen Mannes zu gebrauchen“ – der wiederum Peter Hacks heißt und in seinem „Krippenspiel“ Maries Baby seinen Herodes eine Hasspredigt wider die Faulheit halten lässt; während ja, so Storch, Brecht den Müßiggang gerühmt habe.
Und im Übrigen: „Jungs, die dufte Eltern hatten, bekamen um 1970 – das neue Jahrzehnt sollte das bunteste des Jahrhunderts werden – bemalte Fahrräder zum Fest, und Mädchen schrieben nach den Weihnachtsferien ihre Mathearbeiten mit dem ‚zärtlichsten Gänsekiel der Welt’“ – so Storch in einem weiteren Sprung weiter, der sowohl Umweg als auch Fortschritt ist in seiner Argumentation. Weil er nun auf einen Hamburger Polizistensohn kommt, der 1973 den Goethe-Preis erhielt und seine Frau in der Paulskirche eine Dankadresse halten ließ, in seinem Namen. „Darin nahm Arno Schmidt [um den es sich hier nämlich handelt], der sich lange genug am ‚bunten Moreskenzug unser Teenager’ erfreut hatte, zu Tagesfragen Stellung, speziell zur 40-Stunden-Woche. ‚Unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend’, sei ‚typisch unterarbeitet’, klagte Frau Schmidt und schlug im Namen des Gatten die 100-Stunden-Woche vor. ‚Ansichten eines Snobs’ nannte das Gerhard Zwerenz in der Nacktpostille das da.“
Absatz. Denn nun befindet sich Storch da, wo er hinwollte: „Hätte das Ehepaar Schmidt bloß drei Jahre vorher, am Nachmittag des 15. August 1970, den Fernseher eingeschaltet! Dann wäre ihm ein Licht aufgegangen und es hätte milder über die Jugend geurteilt. Denn an diesem Tage besuchten Jethro Tull den „Beat Club“, eine Truppe, bei deren Gestaltung die Natur verrückt gespielt hatte.“ Damals nämlich brachten die Tulls und Frontman Ian Anderson („als ‚Hans Huckebein, der Blues-Rabe’ führt in das berühmte Rock-Lexikon“, weiß Storch zu berichten) ihr „Nothing is Easy“ zu Gehör. Währenddessen wurde per eingeblendeter Schrift der „Arbeitsplan der Band von Januar bis Juni 70“ mitgeteilt: „‚In 6 Monaten hatte die Gruppe 9 freie Tage’, lesen wir bestürzt, und daß ‚1 Woche = 7 Arbeitstage’ sind, hätte der sprechende Sack Schockschock nicht besser ausrechnen können (hinter dem sich, Augsburger-Puppenkiste-Freunde wissen es, Kater Mikesch aus Holleschitz verbirgt).“

Ist das nicht ein schöner Textfluss? Vom längst Vergessenen zum Rockklassiker, über Hacks und Brecht und Schmidt mit eingestreutem thematischem Schwadronieren über die Faulheit der Jugend, was ganz nebenbei das Klima expressiver Generationenkonflikte ausdrückt. Um schließlich im Folgenden mit Rekurs auf das Geniale und das Genialische auf Vanilla Fudge und „Geniedarsteller“ Mark Stein zu sprechen zu kommen und die in den NDR-Beat Club eingestreuten WDR-Filmbeiträge über „jugendspezifische Themen“ zu beschreiben, also wieder die historische Entwicklung der TV-Sendung in den Blick nimmt.

Mit weitschweifenden Umwegen direkt zur Sache kommen: Ein feines, ziselierte Schreiben eignet Wenzel Storch; auch wenn man’s auf den ersten Blick gar nicht glauben möchte.


Harald Mühlbeyer


Wenzel Storch: Das ist die Liebe der Prälaten. Mainz 2013. 270 Seiten, unheimlich viele Abbildungen, 18,90 Euro.

Das ist die Liebe der Prälaten können Sie bequem im Screenshot-Online-Shop bestellen!

Donnerstag, 7. Februar 2013

Storch-Ergänzung zum Interview

Im gerade eben frisch aus der Druckerei gekommenen feinen dicken Reader, Ihr wisst schon - darin jedenfalls gibt Wenzel Storch ein Interview, in dem er sich über den deutschen Film und über sein Werk auslässt. Zitiert Herbert Achternbuschs Rede an die deutschen Filmbrüder; lässt an Kai von Kotze kein gutes Haar; bejubelt Michael Leckebusch und Zbyněk Brynych; beschreibt sein eigenes Filmschaffen und schildert den Plan für einen irren Kafka-Film.

Zitate aus dem Interview:

Wenzel Storch, bunt und in Farbe
"Wenn deutsche Filme im Fernsehen kommen, schalte ich reflexartig um. Damit kann man mich jagen. Ich kuck mir halt lieber was mit John Wayne, Doris Day oder Louis de Funès an. Aber halt! Das stimmt nicht ganz: "Grimms Märchen von lüsternen Pärchen" zum Beispiel, oder "Polizeirevier Davidswache". Oder Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer – die Augsburger Puppenkiste. Oder Tratsch im Treppenhaus – vom Ohnsorg-Theater. Oder Wolfgang Menges Alfred-Tetzlaff-Serie, wer immer da der Regisseur war. Also wenn ich’s recht bedenke, es gibt eine Menge deutscher Filme, die mir gut gefallen. Nur sind das in der Regel keine Autorenfilme."

Und weiter:
"Es gibt aber zwei Epochen, die ich fast noch weniger mag als die jetzige. Einmal die unter Goebbels, die allerdings auch herrliche psychotische Kracher wie Hitlerjunge Quex oder den unsterblichen Münchhausen hervorgebracht hat, und zum andern die bleierne Zeit des Neuen Deutschen Films."

Und immer noch weiter:

"Aber, ich geb’s zu, manchmal kucke ich mir gern an, was meine Kollegen so machen, schon allein, um mich auf dem Laufenden zu halten ... Ein Freund von mir hat ein kleines Privatkino, da veranstalten wir mitunter – in großen Abständen, damit man sich zwischendurch wieder erholen kann – deutsche Abende. Da schauen wir uns dann die großen Historienschinken an,
an denen das deutsche Kino so reich ist: Bruno Ganz mit Hut und Chaplin-Bart als Adolf Hitler. Oder
Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels. Oder, noch so ein deutscher Held, als Andreas Baader. Oder wir machen uns einen schönen Abend mit Matthias Schweighöfer, der in seinem Leben ja auch schon alles war: Rainer Langhans und Friedrich Schiller, Manfred von Richthofen und Marcel Reich-Ranicki, und neuerdings ja auch Regisseur. Demnächst treffen wir uns übrigens zum großen Jutta-Speidel- Abend. Und dann folgt die lange Thekla-Carola-Wied-Nacht."

Und gestern schickte er per E-Mail einen Nachtrag, der das Interview ein wenig aktualisiert:

"Hätten wir das Emailgespräch jetzt geführt, wäre es streckenweise vielleicht etwas anders ausgefallen - ich guck mich grad quer durch die Filmgeschichte - im Schnitt schaff ich so etwa einen Film pro Tag -, die hiesige Unibibliothek ist in der Beziehung halbwegs gut sortiert ... Jetzt lern ich das ganze Zeug endlich mal kennen (Renoir, Ophüls, Powell etc.), von dem ich vorher immer nur gehört oder gelesen hatte. Dass es mal soweit kommt, hätt ich mir vor 'nem Jahr auch nicht träumen lassen."

Frisch auf dem Buchmarkt erschienen und von uns empfohlen sind zwei neue Bücher von Wenzel Storch: "Arno & Alice. Ein Bilderbuch für kleine und große Arno-Schmidt-Fans" und "Das ist die Liebe der Prälaten".

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Die deutschen Filmbrüder à la Achternbusch

Herbert Achternbusch, rechts, mit Heinz "Hofer Filmtage" Badewitz
1978 veröffentlichte Herbert Achternbusch eine schöne Tirade wider die (neuen) deutschen Filmemacher: "Hark Bohm, geh zu den Milchmädchen, sei ihr Zuhälter. Volker Schlöndorff, warum begnügst Du Dich nicht, Filmlicht zu verleihen, statt Dich so zu quälen? Auch einem Wim Wenders wird es eines Tages zu viel, denn er möchte vielleicht nur mit Eisenbahnen spielen."

Schön konserviert von der ZEIT, sogar als pdf-Faksimile! [1]

Und im übrigen zitiert von Wenzel Storch im Interview, das wir mit ihm für unseren kleinen feinen Reader geführt haben; der die Namen der Damaligen durch die Heutigen ersetzt...


[1]  pdf-Link funktioniert ggf. bei Opera- oder Firefox-Browsern nicht, weshalb auch immer...